ENSEMBLES NEU DENKEN: Partizipation

Junge Menschen haben heutzutage ein Interesse daran, ihrem Handeln einen Sinn zu geben und damit ihre Lebenswelt mitzugestalten. Sie wollen nicht nur mitmachen, sondern miterschaffen, ihre Fähigkeiten und Interessen einbringen und Verantwortung übernehmen. Dieses Engagement kann die moderne Ensemblearbeit für sich nutzen indem sie ihren Mitgliedern Möglichkeiten bietet, an Entscheidungen und Entwicklungen teilzuhaben und so das Ensembleleben aktiv mitzugestalten. Lässt man sich auf solch eine partizipative Arbeit ein, wird der Zusammenhalt und die Ensemble-Identität gestärkt. Die Verantwortung wird auf mehrere Schultern verteilt und das kann sowohl die musikalische Leitung als auch die Ehrenamtlichen entlasten.  

Die Mitgestaltungsmöglichkeiten sind dabei vielseitig. Man sollte sich nicht scheuen, den Partizipationsgedanken auch auf musikalischer Ebene zuzulassen. Das Ensemble kann in die Repertoireauswahl oder die Konzertthemen des nächsten Jahres miteinbezogen werden. Auf dieser Grundlage können anschließend in unterschiedlichen Arbeitsgruppen (AGs) Aufführungen weiter ausgestaltet werden. Welchen Rahmen soll es für das Repertoire geben? Gibt es einen Ausschank? Wie könnte das Plakat aussehen? Laden wir noch andere Ensembles ein mitzumachen? 

Das gesamte Ensemble kann auch in ganz grundsätzliche Entscheidungen eingebunden werden wie beispielsweise bei der Frage, an welchen musikalischen Schwerpunkten zukünftig gearbeitet werden soll. Ein Austausch auf Augenhöhe über Wünsche und Erwartungen ist für die Leitung wie auch das Ensemble bereichernd und deckt Unterschiede wie Gemeinsamkeiten auf. Langfristig steigern diese Gespräche über die grundlegende Ausrichtung die musikalische Zufriedenheit. Denn aus dem Austausch lassen sich musikalische Ziele vereinbaren und gemeinsame Projekte entwickeln. Vielleicht entsteht daraus der Wunsch, als Ensemble an bestimmten Workshops teilzunehmen, neue Konzertformate zu versuchen oder mit bestimmten Organisationen oder Künstler*innen eine Kooperation zu initiieren. In jedem Fall werden verdeckte Interessen und Fähigkeiten sichtbar, das Ensemble-Bild wandelt sich und die Ensemble-Richtung wird geschlossen eingeschlagen. 

An dem Ensembleleben teilhaben lassen kann man auch durch Partizipation an Projekten über die musikalische Arbeit hinaus. Das Ensembleleben und der Gruppenzusammenhalt werden neben der musikalischen Arbeit auch geprägt von Events, Veranstaltungen und Abenden bzw. Tagen, die dem Ensemble Gemeinschaftserlebnisse bescheren. Die Organisation von Musikabenden, Freizeiten, Konzertfahrten, Partys, Filmabenden, Wanderungen und Ausflügen kann das Ensemble aus sich heraus durchführen. Sind alle Mitglieder von der Idee bis zur Durchführung an dem Projekt beteiligt, stärkt das die Identifikation mit dem Vorhaben und steigert die Wahrscheinlichkeit, dass das Vorhaben als gelungen wahrgenommen wird. Das Ensemble lernt dabei miteinander zu arbeiten und auszuhandeln. Einzelne Mitglieder können sich mit Fähigkeiten und Interessen einbringen, die bei einer Probe möglicherweise ungesehen bleiben. Auch hier helfen AGs, die sich eigenständig organisieren und sich miteinander absprechen. Wichtig hierbei ist, alle AGs und Arbeitsfelder gleich wertzuschätzen, denn jede einzelne AG trägt zum Gelingen bei. 

Zur Entlastung des Ehrenamts kann ebenfalls hilfreich sein, das gesamt Ensemble mit einzubinden. Partizipation bei der Vereinsarbeit als Lösungsansatz für strukturelle Herausforderungen eröffnet neue Perspektiven und ermöglicht es, alte Vereinsmuster aufzubrechen. So kann das Ensemble miteinbezogen werden in eine Ideensammlung für die Nachwuchs- und Publikumsgewinnung oder die Öffentlichkeitsarbeit. Bei Veränderungsprozessen wie einem Leitungswechsel ist es ratsam, das Ensemble transparent teilhaben zu lassen. Damit gibt man allen Betroffenen die Möglichkeit, Bedenken, aber auch Vorschläge konstruktiv zu äußern und an dem Prozess aktiv beteiligt zu sein. In Veränderungsphasen oder Neugründungen können Formate wie eine Zukunftswerkstatt dabei unterstützen, sich für die Herausforderungen Zeit zu nehmen, über die Intentionen und Motivationen des Ensembles zu sprechen und gemeinsam neue Perspektiven zu entwickeln. 

Durch eine partizipative Ensemble- und Vereinsarbeit werden die Stärken aller Vereins- und Ensemblemitglieder sichtbar und können genutzt werden. Der Zusammenhalt wächst, weil Schwächen der einen vom Interesse einer anderen Person aufgefangen werden. Es fühlen sich alle gesehen und merken, dass sie bedeutsam sind für die Gemeinschaft. Die Chance für alle sich einzubringen, lässt ganz individuelle, ensemblespezifische Projekte, Lösungen und Strukturen entstehen. 

Was braucht es nun für eine partizipative Ensemblearbeit? Eine Veränderung des Leitungs- und Organisationsziels braucht Zeit und die Bereitschaft, bestehendes weiterzuentwickeln. Rollen müssen neu gefunden werden, AGs gegründet, Kommunikationswege aufgebaut und erprobt werden. Vereinsverantwortliche können eine moderierende Rolle einnehmen und Initiator*innen sein für einen ersten Versuch, gemeinsam auf Augenhöhe zu gestalten. Es muss nicht alles von jetzt auf gleich verändert werden. Bei welchem konkreten Vorhaben ließe sich ein Versuch starten gemeinschaftlich zu arbeiten? Ist es ein nächstes Konzert? Ein Ausflug? Die Öffentlichkeitsarbeit? 
Eine andere Möglichkeit ist es, eine erste Probe dafür zu nutzen, um eine Übersicht der Interessen und Stärken des Ensembles zu erstellen. Stärken, die zueinander passen, werden zusammengelegt und Überbegriffe gefunden. Die entstandenen AGs erarbeiten anschließend Ideen und Vorschläge für ihre Mitgestaltung des Ensembles. 

Die Geduld bei der Ensembleentwicklung hin zu mehr Partizipation lohnt sich. Durch die partizipative Zusammenarbeit wird das Ensemble stabiler, die einzelnen Mitglieder fühlen sich zugehörig und nehmen sich als ein nachhaltiger Teil des Vereins wahr. Die Teilhabe aller Ensemblemitglieder entlastet das Ehrenamt und verteilt Verantwortungen und Aufgaben auf viele Schultern. Dadurch wird auch die Vereinsarbeit transparenter und es entsteht ein neues Gemeinschafts- und Vertrauensgefühl.