Erfahrungen mit der Software Jamulus

Viele Ensembles haben in der Corona-Zeit begonnen, mit Hilfe von digitaler Software online miteinander zu musizieren, um die Proben nicht ausfallen lassen zu müssen. Da klassische Plattformen wie Zoom oder Skype sich zwar für Gespräche per Videotelefonie eigenen, allerdings gemeinsames Singen oder Spielen dort aufgrund der Latenz, also der Verzögerung des Tonsignals und der Verzögerung zwischen Ton und Bild nicht möglich ist, griff man auf eigens entwickelte Programme zurück. Ein besonders häufig genutztes und besprochenes ist Jamulus. In diesem Beitrag möchten wir Ihnen anhand der Auswertung einiger Erfahrungsberichte von Chorleiter*innen aufzeigen, inwiefern und für wen sich Jamulus zum Proben eignet, was aus praktischer Sicht Vor- und Nachteile sind und vor welche Herausforderungen uns die Software stellt. Die Erfahrungen lassen sich in der Regel auf Proben mit Instrumentalensembles übertragen. Weitere Informationen zur Installation und zu allen technischen Fragen finden Sie hier.

Voraussetzungen #

Jamulus ist kostenlos und für alle Betriebssysteme (Windows, Mac/iOS, Linux) verfügbar. Allerdings sind ein eigener Server für das Ensemble sowie einige technische Voraussetzungen bei den Teilnehmenden notwendig, um die Software nutzen zu können, sodass viele die Einrichtung als nicht ganz einfach beschreiben. Ein Server kann entweder über ein Serverprogramm auf einem der teilnehmenden Computer selbst erstellt oder angemietet werden oder Ihr Ensemble nutzt einen schon bestehenden öffentlichen Server – allerdings könnten sich dann Interessierte zuschalten und der Probe lauschen.[1] Im Beitrag „Digital in den Winter“ von Julia Cramer aus der Chorzeit heißt es: „Das Einrichten des Programms ist nicht ganz geradlinig, für motivierte Laien, die ein wenig Zeit und Geduld mitbringen, aber durchaus zu machen.“

Neben einer stabilen, möglichst schnellen Internetverbindung (zwingend mit LAN-Kabel) und einem PC oder Laptop als Endgerät sind ein Kopfhörer und ein Mikrofon mit Interface (= Schnittstelle zwischen PC und Mikrofon) unumgänglich. Laut Chorleiter Axel Pfeiffer (Cantamus Gießen) sind auch Kopfhörer möglich, die ein Mikrofon integrieren (sogenannte Headsets), jedoch wird von der Verwendung der offenen Lautsprecher des Computers abgeraten, weil diese zu Echos oder Rückkopplungen führen können. Jamulus kann nicht über das Handy oder Tablet genutzt werden. Zudem sind allgemeine Computer-Kenntnisse der Teilnehmenden von Vorteil. Trotzdem sollte ein Zeitfenster eingeplant werden, um gemeinsam mit der/dem für die Technik Verantwortlichen die Einrichtung des Programms vorzunehmen. Auch Axel Pfeiffer betont die Wichtigkeit einer solchen Person zusätzlich zur eigenen Kompetenz:

„Zum Glück ist bei Cantamus Gießen eines unserer Vorstandsmitglieder beruflich im Bereich IT tätig und auch andere Chormitglieder verfügen über weitreichende Kenntnisse in diesem Bereich. Sie haben sich schon einige Wochen mit der Einrichtung und Nutzung des Programms beschäftigt sowie die notwendigen technischen Voraussetzungen bei den Chormitgliedern in Erfahrung gebracht. So wurde z. B. eigens ein Server dafür eingerichtet, vorab einige Mails mit Informationen geschrieben, Zeitfenster für die Installation angeboten usw..“

Auch der Junge Kammerchor Rhein-Neckar empfiehlt vor der ersten Probe eine „Technik-Sprechstunde“ mit den Ensemblemitgliedern, um sie bei der Installation zu unterstützen. Sinnvoll kann es sein, sich zunächst mit einigen besonders technikaffinen Mitgliedern zusammenzuschalten, um später das Wissen schneller streuen zu können. Bei der individuellen Beratung bieten sich Fernwartungsprogramme wie AnyDesk, Teamviewer o.ä. an. Lässt man eine Probe ohne technische Vorkenntnisse und ohne das installierte Programm beginnen, fällt oft die Zeit zum Musizieren weg. „Dies kann ein frustrierendes Erlebnis sein, das die Akzeptanz für die Technologie im [Ensemble] sicher nicht vergrößert.“

Paul Müller weist in seinem Beitrag „Erfahrungen mit Jamulus und Online-Musizieren“ darauf hin, dass das Programm eine Obergrenze an Teilnehmer*innen hat, sodass sich bei mehr als 25 Zugeschalteten Aussetzer und zusätzliche Latenzen ergeben. Abhilfe kann angeblich eine Verknüpfung mehrerer Server schaffen, bei der über 100 Teilnehmer*innen – wenn auch mit etwas größerer Latenz – gemeinsam musizieren können.

Umgang mit der Latenz und anderen Tonschwierigkeiten #

Jamulus wurde entwickelt, um dem Hauptproblem des digitalen Musizierens, nämlich der Latenz, entgegenzuwirken. Doch auch dieses Programm kann die Latenz nicht völlig ausschalten, sondern nur stark minimieren. Die Teilnehmenden können sie durch entsprechende Einhaltung der technischen Empfehlungen (schnelle Internetverbindung, Nutzung eines LAN-Kabels usw.) noch verringern. Bis hin zu einer Latenz von etwa 30 Millisekunden ist diese praktisch nicht wahrzunehmen.

Beim Test von Julia Cramer, die mit vier weiteren Sänger*innen online musizierte, entstand eine durchschnittliche Latenz von 50 Millisekunden. Zu ihrem Eindruck schreibt sie: „Ich hatte bei diesem Millisekunden-Wert mit einem stark irritierenden Singerlebnis gerechnet und war überrascht, wie gut das Proben funktionierte. Bei ,And So It Goesʼ spürte ich Timing-Ungenauigkeiten eher in einer Art, wie sie zum Beispiel beim schluderigen Singen von Triolen entstehen können. Ein weiterer Effekt dieser nur halbbewusst wirksamen Latenz kam zum Tragen, wenn wir versuchten, bei Einsätzen aufeinander zu warten: Wir wurden dann nach und nach langsamer, hatten aber durchaus den Eindruck, dies gleichzeitig zu tun.“ Das Ensemble berichtete außerdem, mit bis zu sieben Personen weder eine größere Latenz noch andere akustische Probleme wahrzunehmen.

Auch Axel Pfeiffer geht in seinem Bericht auf die Latenz ein: „Unsere Chormitglieder haben sich unheimlich schnell darauf eingestellt, sich zu hören und mit Vorzählen oder entsprechender Unterstützung durch mich am Klavier war es nach einer kurzen Zeit kein Problem, Stücke in langsamem und mittelschnellem Tempo zeitgleich zu singen. Wirklich schnelle Stücke haben wir bisher nicht ausprobiert, aber selbst das dürfte mit etwas Eingewöhnung möglich sein. Bei rhythmisch sehr anspruchsvollen Stücken dürfte man dann an gewisse Grenzen stoßen.“

Laut Paul Müller entwickle sich mit der Zeit trotz der minimalen Verzögerungen ein gemeinsames Gespür und Gefühl für das Zusammenhören. Dabei helfen kann ein Rhythmusinstrument oder eine besonders rhythmische Leadstimme, an der sich die anderen orientieren und die möglichst streng in Takt und Tempo bleibt. Trotz räumlicher Trennung kann man sich also aufeinander einstellen. Ein „echtes“ Proben und eine Arbeit an Sound, Dynamik oder Interpretation sei etwa ab der vierten Probe möglich. Dies hängt aber nicht nur von der jeweils auftretenden Latenz, sondern auch vom musikalischen Anspruch sowie dem Genre ab, in dem man musiziert.

Neben der Verzögerung erlebte Julia Cramer bei größeren Lautstärken einige Male Verzerrungseffekte des Tons, außerdem war sie insgesamt mit einem eher leisen Tonsignal konfrontiert. Auch bei Cantamus Gießen beschreibt Chorleiter Axel Pfeiffer die „Abstimmung der Klangbalance“ als Herausforderung, weil die Sänger*innen ganz unterschiedliche Mikrofone nutzen. „Das lässt sich zwar über das Programm in gewissem Umfang angleichen, ein paar Chormitglieder waren aber trotzdem nur sehr leise hörbar.“ Tatsächlich kann und muss jede/r Musiker*in bei Jamulus seine/ihre ganz eigene Tonmischung aus den anderen Teilnehmenden zusammenstellen, sodass sich ein individualisierter Gesamtklang ergibt.

Parallele Nutzung von Videodiensten #

Jamulus arbeitet ohne Bildübertragung, um die Latenz so gering wie möglich zu halten – man hört sich also nur gegenseitig, kann sich aber nicht sehen. Sowohl der Junge Kammerchor Rhein-Neckar als auch Cantamus Gießen empfinden das nicht als Problem. Chorleiter Axel Pfeiffer meint dazu: „Ich war selbst sehr erstaunt, dass ohne optischen Kontakt zu den Chormitgliedern (fehlende Führung durch Dirigat) eine echte Probe möglich war.“ Eine Koordination nur über gesprochene Ansagen sei also gut möglich.

Grundsätzlich ist es eine Option, parallel zu Jamulus ein Programm zur Videoübertragung wie Zoom oder Skype zu nutzen – allerdings vergrößert sich dann wieder die Latenz und Bild und Ton stimmen nicht überein. Ein Tool, welches laut Jungem Kammerchor Rhein-Neckar zur parallelen Nutzung und sogar zum Dirigieren trotzdem funktioniert, ist Jitsi Meet: „Die Verzögerung des Videosignals ist natürlich immer höher als die des Tonsignals, daher sind Bild und Ton nie ganz zusammen. Bei Jitsi ist die Verzögerung jedoch sehr viel geringer als bei Zoom oder anderen Programmen und unserer Meinung nach gering genug, um sinnvoll nach Dirigat zu singen.“

Jitsi Meet kann heruntergeladen oder direkt im Browser gestartet werden. Im besten Fall wird die Videoqualität auf „niedrig“ gestellt, um den Arbeitsspeicher nicht stärker als nötig zu belasten. Natürlich muss der Ton stumm geschaltet werden, dieser ist ja über Jamulus zu hören. Wenn nur der/die Dirigent*in gesehen werden soll, können die anderen ihr ausgehendes Video deaktivieren und so die Belastung weiter verringern.

Axel Pfeiffer meint, eine Alternative bei zu großer Latenz (z.B. bei langsamer Internetverbindung) ist die Teilnahme einzelner über Jamulus und Zoom, ohne den eigenen Ton einzuschalten. So ist es möglich, einen Ensembleklang zu erleben und selbst mit zu musizieren, aber die anderen mit der eigenen Verzögerung nicht zu stören.

Fazit #

Das Fazit, zu dem die unterschiedlichen Erfahrungsberichte kommen, ist durchaus positiv und regt dazu an, ein Programm wie Jamulus auch in einer Zeit ohne Pandemie zu nutzen – beispielsweise bei gemeinsamen Proben aus weiterer Entfernung. Betont wird stets, dass eine Probe über Jamulus natürlich keiner gemeinsamen Präsenzprobe entspricht und sich solche digitalen Lösungen nicht für jedes Ensemble eignen.

Julia Cramer schreibt nach ihrem Testerlebnis: „Das Singerlebnis hat mich, ehrlich gesagt, begeistert.“ Auch Axel Pfeiffer betont nach einem zwar großen technischen Aufwand das „regelrechte Glücksgefühl bei der ersten Tutti-Probe“. Der Junge Kammerchor Rhein-Neckar zieht ebenfalls ein positives Fazit, in dem er zusätzlich eine stärkere Nähe zu Präsenzproben erkennt als beispielsweise beim gemeinsamen Musizieren über andere viel genutzte Plattformen: „Insgesamt gefällt uns diese Art zu proben sehr viel besser als das Proben über Zoom. Wir haben zwar einige Proben gebraucht, bis es rund lief und alle unserer Sängerinnen und Sänger die richtigen Einstellungen hatten, der Aufwand hat sich für uns aber auf jeden Fall gelohnt. Da unsere Sängerinnen und Sänger über ganz Süddeutschland und die Schweiz verteilt wohnen, können wir uns sogar vorstellen, einige Proben auch in Zukunft weiter über Jamulus zu machen, auch wenn wir wieder in Präsenz proben dürfen.“

Als Nachteile werden eine aufwendige Einrichtung der Software genannt, die zum Teil nur mit Hilfe von außen möglich sei und in diesem Zusammenhang die Feststellung, Jamulus eigne sich nicht für jedes Ensemble. Chöre und Instrumentalensembles aus dem ländlichen Raum mit schlechter Internetverbindung und/oder solche, die die notwendige technische Ausrüstung oder die Erfahrung mit dieser nicht beisteuern können, geraten schnell an ihre Grenzen. Um Frustration bei den Mitgliedern zu vermeiden, sollte realistisch eingeschätzt bzw. persönlich nachgefragt werden, inwiefern das eigene Ensemble in der Lage ist, die Einarbeitung in eine solche Software zu meistern. Kann diese Hürde genommen werden, soll die Technik laut den hier zitierten Erfahrungsberichten sehr gut funktionieren.

Paul Müller äußert sich besonders ausführlich zum Vergleich einer Probe über Jamulus mit einer solchen in Präsenz: „Es wäre eine Illusion, zu glauben, virtuelles Singen über das Internet ist ein vollwertiger Ersatz für echte Chorproben und Konzerte. Es ist aber auch voreilig, zu meinen, das ist daher nicht so viel wert oder kann nicht so viel Spaß machen. Es ist das ,Nächstbesteʼ nach der realen Probe, besonders in Kombination mit verzögertem Video über ein Video-Conferencing-System […]. Reines Video-Conferencing […] kommt weit abgeschlagen dahinter, weil wegen der Verzögerung jede und jeder nur stummgeschaltet für sich selbst zu einer einzigen Tonquelle dazusingen kann.“

Die soziale Komponente sollte laut Paul Müller nicht unterschätzt werden: Zwar entspricht das digitale Zusammentreffen natürlich nicht der Atmosphäre einer Probe vor Ort, allerdings sei das Miteinander nicht weniger intensiv. Wer sich von bisherigen Erwartungen löst, mit Offenheit darauf einlässt und sich ein paar Mal die Zeit zum Ausprobieren nimmt, kann durchaus mit Erfüllung gemeinsam musizieren. Der virtuelle Kontakt sei anders, aber nicht weniger wert.

Quellen

Julia Cramer: Digital in den Winter, zuletzt abgerufen am 12.07.2021

Chorleiter Axel Pfeiffer im Interview, zuletzt abgerufen am 12.07.2021

Junger Kammerchor Rhein-Neckar/ Erik Burger: Ausführliche Anleitung + kurzer Erfahrungsbericht, zuletzt abgerufen am 12.07.2021

Paul Müller: Erfahrungen mit Jamulus und Online-Musizieren, zuletzt abgerufen am 12.07.2021

Judith Bock
Verband Deutscher KonzertChöre e.V.
21.07.2021

[1] Mehr zur Wahl des richtigen Servers finden Sie hier: https://jamulus.io/de/wiki/Choosing-a-Server-Type

Weitere Links:

Wie kann ich mit meinem Ensemble trotz Probenverboten in Kontakt bleiben?

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