10 beispielhafte Stolperfallen und wie man ihnen begegnen kann

Für die Gestaltung demenzsensibler Proben spielen Repertoire, Methodik und Haltung eine zentrale Rolle. Die folgenden typischen Stolpersteine zeigen, worauf es in der Praxis ankommt und wie sich Angebote teilhabeorientiert gestalten lassen.

Die Projektleitung gibt mit ihrem ganzen Körper einen Einsatz an.
Foto: Rebecca Krämer

Demenzsensible Probenarbeit erfordert eine durchdachte und flexibel geplante musikalische Gestaltung ebenso wie einen empathischen Umgang mit sozialen Dynamiken in der Gruppe. Die folgenden beispielhaften Stolpersteine aus der Praxis zeigen, wie Teilhabe erschwert werden kann und Probenarbeit „scheitert“, aber auch, wie sich dies vermeiden lässt. Diese 10 (etwas plakativen) Beispiele stellten wir auf Basis unserer Erfahrungen in den Modellprojekten zusammen.

1. Repertoire ohne Wiedererkennungswert – „Das kenne ich nicht und will ich nicht!“

Stattdessen: Vertraute, biografisch bedeutsame Lieder wählen und thematische Bezüge (z. B. Jahreszeiten, Feste) herstellen; neue Literatur sollte in irgendeiner Art anknüpfungsfähig sein

2. Unpassende Tonlagen und überfordernder Ambitus – „Das ist viel zu hoch!“

Stattdessen: In bequemer, eher tiefer Lage singen und den reduzierten Stimmumfang im Alter bei der Auswahl der Literatur berücksichtigen; Veröffentlichungen, die diesen Kriterien entsprechen, sichten und nutzen

3. Zu hoher Schwierigkeitsgrad – „Können wir das nochmal machen, da komm ich nicht mit!“

Stattdessen:

  • einstimmig singen
  • einfache Formen der Mehrstimmigkeit wie Loop Songs (oder Kanons) einsetzen
  • Arrangements und Instrumentalstimmen nach Bedarf vereinfachen
  • flexible Literatur auswählen, um situativ auf die Gruppe reagieren zu können
  • elementares Instrumentarium und intuitive Gestaltungsformen wählen

4. Überforderndes Einsingen oder Technikfokus – „Ich bin hier nicht zum Einsingen, können wir endlich mit dem Singen starten!“

Stattdessen: Niedrigschwellige, aktivierende Übungen (z. B. Bewegung, Atmung, Summen) wählen – Fokus auf Wohlbefinden statt Perfektion; auch hier bewährte und bereits erprobte Konzepte nutzen (s. beispielsweise Beitrag von Vilmar)

5. Zu wenig Wiederholung / zu hohes Tempo – „Das ist viel zu schnell, da kommt doch keine*r mit!“

Stattdessen: Lieder, Abläufe und Anweisungen inspirierend wiederholen; ein eher ruhiges, angepasstes Tempo wählen, bei dem alle mitkommen

6. Unklare oder defizitorientierte Kommunikation – „Wie bitte?“

Stattdessen:

  • prägnant, deutlich und wertschätzend sprechen
  • deutliche Mimik und Gestik
  • nonverbale Signale einbeziehen und auf Bedürfnisse reagieren

7. Reizüberflutung und unklare Fokussierung – „Was haben Sie jetzt gesagt? Das war irgendwie zu viel.“

(z. B. Sprechen während Musik läuft, komplexe Begleitung)

Stattdessen: Schlichte, klare Begleitung wählen, angenehme Klangfarben berücksichtigen und Moderation/Ansagen von der Musik trennen, um die Aufmerksamkeit gezielt zu lenken

8. Unübersichtliche Materialien und fehlende visuelle Unterstützung – „Wo sind wir nochmal?“

Stattdessen: Große, kontrastreiche Darstellung nutzen (z. B. Beamer) oder Notenmaterial gut organisieren (z. B. Abläufe vereinfachen, Text reduzieren, wenig „überflüssige“ Musizierhinweise, …)

9. Fehlende Struktur und Vorbereitung im Setting – „Das machen wir aber eigentlich immer anders.“

(z. B. unklare Abläufe, fehlendes Briefing, ungünstige Sitzordnung)

Stattdessen:

  • Rituale, klare Abläufe und Orientierung bieten
  • beteiligte Gruppen (z. B. Ensemblemitglieder, Kinder oder Ehrenamtliche) vorbereiten; ggf. auch mit teilnehmenden Angehörigen Erwartungen besprechen
  • Settings bewusst gestalten (z. B. Sitzordnung, gestaltete Mitte)

10. Überforderung im Umgang mit herausfordernden Situationen – „Ich will hier nicht bleiben!“

(z. B. starke Emotionen, irritierendes Verhalten, Konflikte)

Stattdessen:

  • ruhig und präsent bleiben, Verhalten nicht persönlich nehmen
  • Emotionen validieren und Raum geben
  • Verantwortung im Team teilen (Leitung & Begleitung)
  • bei Bedarf einzelne Personen begleiten, ohne die Gruppe aus dem Blick zu verlieren
  • Situationen nachbereiten und einordnen

Fazit

Demenzsensible Probenarbeit gelingt dort, wo musikalische, strukturelle und zwischenmenschliche Aspekte zusammengedacht werden. Neben Repertoire und Methodik sind vor allem Haltung, Flexibilität und Teamarbeit entscheidend, um auch in herausfordernden Momenten handlungsfähig zu bleiben und Teilhabe zu ermöglichen. Es ist wichtig, sich auf dieses Setting einzulassen und sensibel darauf zu reagieren.