Beispiele und Überlegungen für demenzsensible Ensemblearbeit – dies sind reale Situationen aus den Modellprojekten von „Länger fit durch Musik“, die in einem der digitalen Stammtische entwickelt wurden. Sie erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern skizzieren einige herausfordernde Situationen und mögliche Reaktionen bzw. Aspekte, die bedacht werden könnten.
1. Emotionen im Herbst
Beim Gruppenstart, einem herbstlichen Spaziergang mit Instrumenten, war die Stimmung leicht und offen. Das gemeinsame Musizieren brachte Bewegung in Körper und Erinnerung. Zum Abschluss erklang das alte Schlagerlied „In einer kleinen Konditorei“. Plötzlich begann eine Teilnehmerin heftig zu weinen. Zuerst still, dann so eindringlich, dass es den Raum füllte. Die Leitung war allein, die Gruppe hielt inne. Die Frau ließ sich kaum beruhigen, konnte kaum benennen, was sie so bewegte. Schließlich setzte sich die Leitung zu ihr, hielt ihre Hand, blieb einfach da. Die Situation wirkte ansteckend – auch andere wurden still, manche ebenfalls traurig. Die Probe konnte so nicht weitergehen.
Zu bedenken: In solchen Momenten zeigt sich, wie eng Emotion, Erinnerung und Musik verwoben sind. Es ist wichtig, den Bezug zur gesamten Gruppe nicht zu verlieren und gleichzeitig menschlich präsent zu bleiben. Idealerweise wird eine solche Gruppe immer zu zweit begleitet – jemand leitet, jemand unterstützt, insbesondere wenn Emotionen stark werden. Angehörige oder Personen, die die Teilnehmenden gut kennen, können hier eine wertvolle Stütze sein. Auch eine bewusste Trennung zwischen „Leitung“ und „Begleitung“ hilft, Haltung zu bewahren, ohne Distanz zu schaffen.
2. Zwischen den Generationen
Im intergenerativen Gottesdienst treffen Kinder auf ältere Teilnehmende mit Demenz. Anfangs herrscht Neugier und leises Staunen. Doch als eine ältere Frau plötzlich schroff reagiert – vielleicht genervt, vielleicht verunsichert –, werden die Kinder still und irritiert. Ihr Lächeln weicht Unsicherheit und die erhoffte positive Begegnung bleibt fern.
Zu bedenken: Kinder sind sensibel für Stimmungen, aber oft ohne Erklärung. Ein kurzes Briefing vor Beginn hilft: „Manche Menschen reagieren anders, weil sie Dinge anders wahrnehmen.“ Ebenso wichtig ist ein gemeinsames Nachgespräch: Was ist passiert, wie fühlte es sich an, was könnte dahinterstecken? So wird Irritation zur Lernerfahrung. Und in der Situation selbst darf auch kurz erklärt werden – kleine Klärungen schaffen große Entlastung.
3. Wenn Hören zur Herausforderung wird
Eine Teilnehmerin mit schwerem Hörverlust liebt das Singen. Sie beginnt jedes Lied mit großer Freude, möchte kaum Pausen lassen, möchte weitermachen. Doch das gemeinsame Musizieren wird zäh: Sie versteht Ansagen schlecht, reagiert manchmal neben der Gruppe, Gespräche sind schwierig. Probenansagen sind nichts für sie, sie mag es hingegen eher, dass das Repertoire kommentarlos durchgesungen wird.
Zu bedenken: Hörschwäche bedeutet nicht weniger Musikalität, sondern veränderte Zugänge. Eine gute Sitzposition – mit Sichtkontakt und Gestik der Leitung – kann bereits helfen. Mikrofone oder Hörhilfen (z. B. Headset oder Handmikro) verbessern die Verständlichkeit. „Hörpat:innen“ in der Gruppe, die das Gesagte leise wiederholen, können ebenfalls unterstützen. Liedtexte auf einem Beamer oder in großer Schrift erleichtern das Mitlesen. Kleine Anpassungen machen Teilhabe und Freude am gemeinsamen Singen wieder möglich.
4. Nähe und Verstörung
Bei einem generationenübergreifenden Angebot sucht eine Frau mit Demenz und psychotischen Anteilen Kontakt zu den Kindern. Sie lächelt, redet leise – und sagt plötzlich einen verstörenden Satz: „Da werden Babys geröstet.“ Der Raum erstarrt. Manche Kinder erschrecken, Erwachsene reagieren fassungslos.
Zu bedenken: Solche Situationen fordern spontane und zugleich ruhige Reaktionen. Es hilft, wenn eine Person gezielt die Betreuung dieser Teilnehmerin übernimmt, während die Leitung die Gruppe weiterführt. Mehrere gleichzeitige Reaktionen verschärfen die Verunsicherung. Besser ist, sie behutsam aus der Situation zu führen – vielleicht an einen ruhigeren Ort, vielleicht mit jemandem, der ihr vertraut ist. Solche Momente lassen sich kaum verhindern, aber man kann sie „einplanen“, indem man Sitzpositionen und Betreuungsaufgaben vorausschauend bedenkt. Situatives Reagieren gehört zur Ensemblearbeit – nicht als Störung, sondern als Teil ihrer Lebendigkeit, selbst wenn es herausfordernd ist. Schon diese Einstellung kann helfen, mit diesen Situationen zurecht zu kommen.
5. Unerwartetes im Gottesdienst
Ein voll besetzter Gottesdienst. Musik, Gitarre, viele Besucher*innen. Eine neue Bewohnerin findet ihren Platz direkt neben dem Pfarrer. Als das Lied beginnt, greift sie plötzlich nach der Gitarre, zieht daran, als wolle sie sie wegnehmen oder gar zerstören. Der Moment wirkt aggressiv, erschreckend. Helfer*innen reagieren sofort, sprechen ruhig auf sie ein, führen sie sanft hinaus. Die Situation beruhigt sich.
Zu bedenken: Solche unvorhersehbaren Reaktionen können in jeder Gruppe auftreten. Entscheidend ist, dass die Leitung nicht allein ist – Mitarbeitende oder Begleitpersonen, die die Teilnehmenden kennen, sind unverzichtbar. Vorausschauendes Denken hilft: Wer sitzt wo, wer ist neu, welche Dynamik kann entstehen? Und vor allem: Solche Momente nicht persönlich nehmen. Das Verhalten gilt nicht der Leitung oder der Musik – es ist Ausdruck von Überforderung oder innerer Spannung; bei Menschen mit Demenz ist dies meist keine böse Absicht.
6. „So ein Geklimper!“
Während eines musikalischen Nachmittags murmelt ein Teilnehmer laut: „So ein Geklimper!“ – genervt, ablehnend, vielleicht auch scherzhaft. Ein Moment, der leicht verletzen kann, wenn man ihn zu ernst nimmt.
Zu bedenken: Nicht jede Musik trifft jeden Geschmack. Wichtig ist, das Gesagte nicht als Angriff zu verstehen, sondern als Ausdruck einer Emotion. Ein kurzer, humorvoller oder validierender Kommentar – „Dann spielen wir gleich was anderes, versprochen!“ – kann die Spannung lösen. Akzeptanz und Leichtigkeit erhalten den Fluss der Begegnung.
7. Wenn Teilnehmende anecken
In einem intergenerativen Setting mit Jugendlichen und Menschen mit Demenz kommentiert plötzlich eine ältere Dame das Outfit eines Jungen: „Der mit den langen Haaren – der sieht ja gar nichts!“, ein Kommentar, halb spöttisch, halb ehrlich gemeint. Die Stimmung kippt, ein Generationenkonflikt zeichnet sich ab.
Zu bedenken: Unterschiedliche Lebenswelten treffen hier auf engem Raum aufeinander. Leitung bedeutet, diese Spannungen wahrzunehmen und aktiv zu gestalten. Eine veränderte Sitzordnung, ein vermittelndes Wort, manchmal ein gemeinsames Gespräch können helfen. Wichtig ist, Konflikte nicht allein tragen zu müssen – Ensemblearbeit ist Teamarbeit, auch im Umgang mit Unterschieden.