Gastbeitrag von Mechthild Hagedorn, Apothekerin und Musikgeragogin, Wadersloh
Arbeitskreis Biographie-Orientierung in der Musikgeragogik in der Deutschen Gesellschaft für Musikgeragogik
Biografie-Arbeit

Musik kann die menschliche Seele schnell und unmittelbar erreichen. Sie wirkt entspannend oder anregend, ablenkend oder aktivierend und kann sogar unseren Umgang mit Angst und Schmerzen beeinflussen. Musik bringt Menschen miteinander in Kontakt, fördert Geselligkeit und Unterhaltung. Beim Singen, Tanzen oder Musizieren entsteht Verbundenheit – mit sich selbst, mit anderen Menschen sowie mit Vergangenheit und Gegenwart.
Musik kann Freude schenken und zu sinnstiftenden oder spirituellen Erfahrungen führen. Sie spendet Trost und kann Trauer lindern. Viele Menschen verbinden auch religiöse Erfahrungen mit Musik. In musikalischen Erfahrungsräumen lassen wir Gefühle und Stimmungen zu und erleben sie bewusst. Musik prägt unsere Identität.
Eine wichtige Ressource für ein selbstbestimmtes Älterwerden ist die Biografiearbeit, insbesondere die Verschriftlichung der eigenen Musikbiografie. Damit dies leicht gelingt, haben sechs Mitglieder eines Arbeitskreises der Deutschen Gesellschaft für Musikgeragogik (DGfMG e.V.) zwei Dokumente für Sie entwickelt. Diese stehen Ihnen als beschreibbare PDF-Dateien zum kostenlosen Download zur Verfügung.
Materialien – Deutsche Gesellschaft für Musikgeragogik
Wir empfehlen Ihnen zunächst den vom Arbeitskreis ausgearbeiteten Fragebogen zur Musikbiografie. Er umfasst sowohl Fragen, die Sie einfach und bequem ankreuzen können als auch Fragen, die Sie mit einem freien Text beantworten können. Zielgruppe sind alle interessierten Menschen, unabhängig von Alter oder möglichen Erkrankungen. Der Fragebogen kann allein ausgefüllt werden, zu zweit oder in kleinen Gruppen – zum Beispiel innerhalb von Chören oder Orchestern in einer Stimmgruppe (z. B. nach einer Probe oder auf einer Probenfreizeit).
Der Sinn der Biographie-Arbeit ist vielfältig:

Wissen: Die Musikbiographie lässt Wissen über Lieblingsmusik und Erinnerungen lebendig werden. Die Vorlieben der Musizierenden lassen sich herausfinden. Auch in der kultursensiblen Arbeit lassen sich die vielfältigen Traditionen, Erfahrungen und Lebensgeschichten besonders wertschätzen.

Wollen: Mit der Musik-Biographie wird der Fokus auf die individuellen Interessen der Musizierenden und Singenden gelenkt, auch auf die Lebensmusik, die besondere Freude bereitet. Daraus lassen sich von den für die Programmplanung zuständigen Menschen Wünsche ableiten für Musikstücke, die möglicherweise im Original oder in einem passenden Arrangement zukünftig in die Probenarbeit mit aufgenommen werden.

Können: Biografisches Wissen kann die Grundlage für gemeinsame Improvisationen bilden. Individuell bedeutsame Musik kann helfen, Stress zu senken oder die Symptome zu lindern. Wird keine Rücksicht auf Menschen mit Demenz genommen, kann dies zu Überforderung, Scham und Rückzug bei ihnen führen.

Transfer: Ideal ist es, wenn alle Akteur*innen an der Programmplanung beteiligt werden. Wenn wir unsere musikalischen Vorlieben kennen, können wir sie bewusst einsetzen, individuell für uns oder im Kontext des Gruppen-Musizierens.

Evaluation: Nach einem Auftritt und zu Beginn eines neuen Programms ist die Zeit der Reflexion. Die biographischen Kenntnisse werden einbezogen.
Für die individuelle Anwendung ist es mithilfe des zweiten Bogens möglich, die Musikbiografische Verfügung zur Vorsorge zu verschriftlichen und als Anlage zur Patient*innenverfügung zu heften.
Mögliche Gestaltung eines Gruppen-Angebots
Ziele des Treffens für die Gruppe, den Chor, das Orchester – Einblick in die musikalischen Vorlieben der Teilnehmenden bekommen und perspektivisch in die Programmplanung einbeziehen, individuelle Überforderungen vermeiden, Musik kennen, die die Menschen unmittelbar anspricht.
- Wer ist bereit, den Rahmen für ein Treffen zu organisieren, Raum, Ort, Zeit?
Wer ist bereit, das Treffen inhaltlich zu gestalten und zu moderieren? - Einladung – Bitte mitbringen: Titel einer Lieblingsmusik, ausgedruckten Fragebogen, Klemmbrett und Schreibmaterial
- Begrüßung (im Kreis sitzend): Vorstellungsrunde mit Lieblingsmusik
- Alle bewegen sich im Raum. Nach etwa einer Minute beginnen wir mit dem Menschen, der neben uns steht, ein Gespräch zu zweit: „Mein Leben ohne Musik wäre …“ Der eine spricht zwei Minuten, der andere hört zu. Nach zwei Minuten wird getauscht. Anschließend gibt es Zeit, die Antwort in den Fragebogen einzutragen.
- Ein Gespräch im Kreis: „Musik bereichert mein Leben …“
- Zeit zum individuellen Schreiben im Fragebogen
- Kernpunkt des Interesses – Der/die Moderierende schreibt die Namen der Teilnehmenden zur jeweiligen Kategorie der Lieblingsmusik, Fragebogen S. 5
- Die Teilnehmenden kreuzen ihre Lieblingsmusik im Fragebogen an
- PAUSE
- Nach der Pause bilden sich Kleingruppen zu zweit oder dritt: „Folgende Musiktitel, Interpret:innen und Komponist:innen sind mir besonders wichtig …“ Die Gesprächsergebnisse werden aufgeschrieben und dem Moderator gegeben.
- Abschlussrunde: „Eine ganz besondere musikalische Erfahrung in meinem Leben ist …“
- Am Ende der Veranstaltung sind wesentliche Aspekte des Fragebogens von den Teilnehmenden individuell ausgefüllt. Eine Grundlage ist gelegt, um den Fragebogen zu Hause weiterzuführen und gegebenenfalls das Dokument „Musikbiografische Verfügung zur Vorsorge“ auszufüllen und als Anlage zur Patientenverfügung zu heften.
- Die Moderierenden bringen die Ergebnisse in die nächste Programmplanung ein.
Für weitere Informationen steht Ihnen Mechthild Hagedorn, mh@medimethode.de, gerne zur Verfügung. Wenn Sie Ihr Interesse an der Musikbiographie vertiefen wollen, finden Sie nachfolgend weiterführende Literatur:
Joyce, Rachel (2017): Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie – Roman. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main.
Weber-Laux, Richard (2015): Hör-mal: Ein Musik-Mosaik im Lebenslauf – Auf den Spuren von musikalischer Resilienz. Hrsg. CreateSpace Independent Publishing Platform.
Zur Vertiefung der theoretischen Grundlagen sind folgende Fachbücher empfehlenswert:
Hartogh, Theo; Wickel, Hans Hermann (2008): Musizieren im Alter – Arbeitsfelder und Methoden. SchottMusic GmbH und Co. KG, Mainz
Hölzle, Christina; Jansen, Irma (Hrsg.) (2011): Ressourcenorientierte Biografiearbeit: Grundlagen – Zielgruppen – Kreative Methoden. 2., durchgesehene Auflage. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH.
Kölsch, Stefan (2019): Good vibrations – Die heilende Kraft der Musik. Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin.
Muthesius, Dorothea (Hg.) (2001): „Schade um all die Stimmen…“ – Erinnerungen an Musik im Alltagsleben. Böhlau Verlag GmbH und Co. KG, Wien, Köln, Weimar.

Mechthild Hagedorn
Apothekerin und Musikgeragogin