Wie gelingt eine demenzsensible Moderation im Konzert?

Grundlagen zu Sprache, Haltung und kommunikativer Gestaltung

Haltung und Intention

Eine demenzsensible Moderation gilt dem Wohlbefinden des Publikums: der Menschen mit Demenz und ihrer Angehöri

  • Sie schenkt Menschen mit Demenz Wertschätzung und heißt sie willkommen.
  • Sie stellt eine emotionale Verbindung zwischen Musizierenden und Zuhörenden, zwischen Bühne und Publikum her.
  • Sie schenkt allen Anwesenden eine „schöne Zeit“ (wie die Betroffenen es oft selbst nennen).
  • Sie möchte die Aufmerksamkeit – und damit auch Gefühle und Erinnerungen – der Menschen mit Demenz wecken.
  • Durch gute Vorbereitung kann eine demenzsensible Moderation flexibel auf die Stimmung und die Situation im Publikum reagieren.

Visuelle Kommunikation

Voraussetzung für das Gelingen einer Moderation ist es, die Menschen im Publikum anzuschauen. So wird Kommunikation bereits ohne Worte möglich – durch einen freundlichen Blick, durch ein Lächeln.

  • Die visuelle Kommunikation dient auch der eigenen Wahrnehmung: Wie reagieren die Menschen im Publikum?
  • Moderationen werden daher möglichst frei gehalten. Moderationskarten mit Stichpunkten sind dabei sehr hilfreich. Eine Moderation sollte aber nie vollständig abgelesen werden, da sonst der Kontakt zum Publikum verloren geht.
  • Die moderierende Person sollte sich stets im Blickfeld der Menschen mit Demenz bewegen und mit ruhigen und zielführenden Bewegungen agieren.
Foto der Projektleitung, die sich auf einen Sessel gesetzt hat, um mit einer Seniorin im Rollstuhl auf Augenhöhe zu sein. Sie fassen sich an den Händen und führen gemeinsam eine Bewegung aus.
Foto: Erdal Sahin

Tipp: Um Menschen, die sitzen, persönlich anzusprechen, gehen Sie am besten auf Augenhöhe – das heißt: in die Hocke. Sprechen Sie Menschen mit Demenz nie von hinten oder aus dem ‚Off‘ an.

Sprachliche Kommunikation

Demenzerkrankungen verschlechtern die kognitiven Fähigkeiten. Emotionales Erleben und emotionales Gedächtnis bleiben jedoch grundsätzlich erhalten und sind die Basis einer gelingenden Kommunikation.

  • Jede Moderation beginnt damit, das Publikum willkommen zu heißen und sich selbst und die Mitwirkenden auf der Bühne (als Kollektiv oder bei solistischen Musikerinnen oder Musikern individuell) vorzustellen. Dadurch wird die Intention klar: „ Wir spielen für Sie!“
  • Emotionale Aussagen und Geschichten, die man nachfühlen kann, ersetzen Faktenwissen (wie Jahreszahlen) und Fachjargon. Menschen mit Demenz müssen nichts ‚lernen‘.
  • Die Sätze bleiben kurz und bringen die Aussage eindeutig ‚auf den Punkt‘. Lange Aufzählungen, Schachtelsätze und Entweder-Oder-Konstruktionen sollten grundsätzlich vermieden werden.
  • Der Stimmklang darf freundlich und einladend sein, die Artikulation natürlich, aber trotzdem langsam und deutlich.
  • Gedichte können eine großartige Ergänzung sein: Die Reime und die rhythmisierte Sprache aktivieren Erinnerung und Sprachvermögen von Menschen mit Demenz ähnlich wie die Musik.
Ein Projektleiter steht vor einer Gruppe lachender und sich bewegender Senior*innen. Er macht ausladene Bewegungen und zieht Grimassen.
Foto: Henning Rohm

Tipp: Auch Fachbegriffe aus der Musik können Sie sinnlich oder emotional begreifbar machen. Hier zwei Ideen für die „Sonate“:

Das Wort Sonate kommt von „sonare“ = klingen. Wecken Sie Kreativität und Aufmerksamkeit mit einer kurzen Klangaktion, zum Beispiel mit Summen.

Oder erzählen Sie die musikalischen Abläufe als ‚Geschichte‘: Die (in der Regel) zwei Themen eines Sonatenhauptsatzes agieren als Personen in einem Theaterstück. Im ersten Teil stellen sie sich als unterschiedliche Charaktere vor. Im Mittelteil kommt es – je nach Werk – zu einer fröhlichen Unterhaltung, Zank und Streit oder einem tiefsinnigem Gespräch … Im dritten Teil zeigen sich die Personen noch einmal für ein glückliches (oder wie auch immer geartetes) Ende.

Themenwahl

Eine demenzsensible Moderation vermittelt zwischen dem Konzertprogramm und den Lebenserfahrungen oder Wahrnehmungen der Menschen mit Demenz.

  • Trotz Erkrankung blicken Menschen mit Demenz auf eine reiche Lebensgeschichte zurück. Gerade weiter zurückliegende emotionale und biografische Erinnerungen können sehr präsent sein. Hier eignen sich allgemeine Themen wie Familie, die erste Liebe oder das Reisen.
  • Sinnliche Erfahrungen bieten ebenfalls guten Stoff: die Jahreszeiten, das Wetter, Brauchtum, Feiern und Tanzen …
  • Die unmittelbare sinnliche Wahrnehmung (das ‚Hier und Jetzt‘) darf ebenfalls eine Rolle spielen: der schöne Saal, in dem das Konzert stattfindet – und nicht zuletzt die Menschen und ihre Instrumente auf der Bühne.
  • Auch ohne ein übergeordnetes Thema ist eine sinnvolle Moderation möglich, indem man das eigene, persönliche Erleben schildert: Was ist an einem Musikstück emotional beeindruckend oder besonders faszinierend? Warum hat das Ensemble gerade diese Komposition ausgewählt?
  • Die eigene Begeisterung und Emotion übertragen sich auf das Publikum.
Mozart-Denkmal in Wien: Der Komponist ist mit einem Notenpult auf einem geschmückten Sockel dargestellt. Dieser zeigt Ornamente, Masken, Kränze und Puttenfiguren.

Tipp: Die Biografien von Komponisti*nnen bieten oft gute Anknüpfungspunkte zur Lebenswelt von Menschen mit Demenz. Zwei Beispiele aus der klassischen Musik:

Wolfgang Amadeus Mozart schreibt in Wien die ‚Kleine Nachtmusik. Er hat seine Heimatstadt Salzburg verlassen und in Wien seine Constanze geheiratet, beides gegen den Willen des Vaters. Ein solcher Konflikt zwischen Eltern und Kindern ist allen Menschen in irgendeiner Form vertraut. Gestalten Sie dies als spannendes, emotionales Thema: Der Vater meint es gut, will dem Sohn einen sicheren Job in der Hofmusik des Erzbischofs verschaffen. Der Sohn möchte große Opern, Sinfonien und Konzerte schreiben. Am Ende haben beide Recht. Mozart komponiert seine großartigsten und berühmtesten Werke in Wien – stirbt aber in Armut.

Der tschechische Komponist Antonín Dvořák schreibt sein berühmtes ‚Amerikanisches Streichquartett‘ natürlich in – Amerika. Dort arbeitet er als Professor für Komposition in New York, wo ihn viele neue Eindrücke begeistern. Gleichzeitig vermisst er seine Heimat. Als Dvořák die Sommerferien mit seiner Frau und seinen sechs Kindern in einem kleinen Dorf in Iowa verbringen kann, wo nur tschechische Einwanderer wohnen, fühlt er sich überglücklich. Dies inspiriert ihn zu seinem Streichquartett, das mit Melodien aus Amerika und Böhmen Dvořáks Gefühle zu Heimat und Ferne ausdrückt. Auch diese Emotionen sind ein universelles Thema: Die Reiselust verbindet sich für Menschen mit Demenz meist mit schönen Erinnerungen. Das Thema Heimweh ist dagegen sehr präsent, sei es als Sehnsucht nach dem Zuhause der Jugend, sei es nach einer inzwischen aufgegebenen eigenen Wohnung.

Aktivierung des Publikums

Studien haben gezeigt, dass aktivierende Mitmachaktionen – wie Singen, Klatschen, Bewegen – das Wohlbefinden von Menschen mit einer Demenz besonders fördern.

  • Daher ist es empfehlenswert, in die Konzertprogramme bekannte Lieder zum Mitsingen zu integrieren, als Teil des Programms oder als Zugabe. Menschen mit Demenz beherrschen oft alle Textstrophen eines Liedes – darauf sollte man vorbereitet sein.
  • Spontane Aktionen aus dem Publikum wie Klatschen, Schunkeln, tänzerische Bewegungen können flexibel in die Moderation integriert werden. Dadurch werden die Emotionen und die Aktivitäten der Menschen mit Demenz gesehen und wertgeschätzt. Natürlich können solche Aktionen auch von vornherein sinnvoll eingeplant werden.

Das eigene Wohlbefinden

Menschen mit Demenz haben sehr feine Sensoren für Gefühle. Wenn man sich selbst auf der Bühne nicht wohlfühlt, wird es das Publikum wahrnehmen.

  • Das Programm sollte daher grundsätzlich Musik, Medien und Ausdrucksformen nutzen, mit denen die Mitwirkenden sich wohl und sicher fühlen. Es geht nicht darum, das eigene Leistungslimit zu erreichen, sondern eine gute Atmosphäre zu schaffen.
  • Es empfiehlt sich, immer ein wenig mehr Material (Text oder Aktionen) vorzubereiten als nötig, um flexibel auf die Stimmung des Publikums reagieren zu können. Umgekehrt darf man auch Vorbereitetes auslassen, wenn es nicht der Situation entspricht.
Eine Pflegekraft leitet Bewegungen zum Gesang an. Sie wird unterstützt von einer Projektmitarbeitenden.
Foto: Rebecca Krämer

Tipp: Sie müssen als Moderator*in nicht alles können! Ein Beispiel:

Sie sind empathisch und sprechen gerne vor Publikum. Aber Sie fühlen sich nicht sicher genug, um ein Lied oder eine rhythmische Aktion souverän anzuleiten? Dann bleiben Sie bei der gesprochenen Moderation – oder bitten Sie eine andere Person aus dem Kreis der Mitwirkenden (zum Beispiel Dirigent*in), die musikalische Aktion zu übernehmen.

Einfach machen!

Konzerte für Menschen mit Demenz zu gestalten und zu moderieren, ist keine Wissenschaft. Es ist eine Praxis. Und es geht nicht um Perfektion.

In diesem Sinne gilt: Einfach machen! Mit einer zugewandten Haltung, mit aufmerksamer Wahrnehmung und in der eigenen Begeisterung für die Musik, die man spielt oder vermittelt, wird die Moderation gelingen.

Elisabeth von Leliwa

Erstellt: Dezember 2025