Was ist Musiktherapie?
Musiktherapie ist eine evidenzbasierte künstlerisch-therapeutische Behandlungsmethode, die das Medium Musik in deren vielfältigsten Erscheinungsformen (von aktiver Improvisation bis zum Rezipieren ausgewählter Musik) gezielt einsetzt. Sie orientiert sich dabei an psychotherapeutischen Methoden, Techniken und Haltungen sowie an z.B. medizinischen, neurowissenschaftlichen oder entwicklungspsychologischen Theorien und Erkenntnissen (Wosch et al., 2025). In der Musiktherapie werden in einer Zusammenarbeit von Therapeut*in und Patient*in Musikinterventionen zur Minderung von psychischen, somatischen, psychosomatischen und kognitiven Symptomen angewandt (Mainka & Weymann, 2023). Die Therapeut*in verfügt dabei über spezifische Qualifikationen, in der Regel einen Hochschulabschluss im Fach Musiktherapie. Musiktherapie im heutigen Verständnis wird seit den 1950er Jahren entwickelt und etabliert sich zunehmend im Gesundheitswesen. In über 20 medizinischen Leitlinien ist Musiktherapie empfohlen, darunter Depression, Demenz und Schlaganfall. Musiktherapie kommt bei bestimmten Indikationen in der gesamten Lebensspanne zur Anwendung, von frühgeborenen Säuglingen über Kinder, Jugendliche und Erwachsene bis zu hochaltrigen Menschen. Es existiert eine Infrastruktur von Berufsorganisationen sowie umfangreiche Forschungs- und Fachliteratur.
Musiktherapie bei Demenzen
Spezifisch auf Menschen mit Demenz ausgerichtete Ansätze der Musiktherapie entstehen – begleitet von wissenschaftlicher Forschung – seit den 1980er Jahren. In Monographien und Sammelbänden zusammengefasst, tragen sie zur fachlichen Grundlage auch nicht-therapeutischer Angebote bei und fördern so die Entwicklung des interdisziplinären Feldes (s.u. weiterführende Literatur).
Häufig sind therapeutische Kompetenzen erforderlich, damit Menschen mit Demenz von Musik profitieren können. Insbesondere in fortgeschrittenem Stadium bei nachlassenden kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten sowie bei besonders herausfordernden Verhaltenssymptomen wie Aggression oder Apathie geraten andere Formen der Musizierpraxis an ihre Grenzen. Musik wird in der Therapie zum Erreichen außermusikalischer Ziele verwendet und hat die Minderung oder Vermeidung seelischen oder körperlichen Leids im Blick. Mit der Ausübung von Therapie geht eine besondere ethische und rechtliche Verantwortung einher.
Musiktherapie in der S3-Leitlinie Demenz
Musiktherapie gilt als eine der wichtigsten non-pharmakologischen Unterstützungen bei Demenz, deren positive Wirkung sich mit Blick auf Wohlbefinden und bei kognitiven und sekundären Symptomen von Demenz nachweisen lassen (van der Steen et al., 2025). Die S3-Leitlinien für Demenz empfehlen deshalb sowohl aktive als auch rezeptive Musiktherapie (DGN e. V. & DGPPN e. V., 2023). Neben der Abnahme von Depression und Agitation/Aggression wird hier auch eine Verbesserung der Kognition genannt.
Über die Leitlinienempfehlungen hinaus sind Forschende zu folgender Übersicht wissenschaftlich belegter Wirkung der Musiktherapie gekommen:
Signifikante Reduktion von:
- Agitiertheit
- Angst
- Depressivität
- Apathie
- Desorientiertheit
- Schlafstörungen
Signifikante Verbesserung von:
- Aktivität
- Empathie
- Bedürfniserfüllung
- Zufriedenheit der Pflege
Tabb. 1: Nachgewiesene Effekte der Musiktherapie bei Demenzen (nach Wosch & Eickholdt, 2019)
Musiktherapie im Spektrum Musik basierter Angebote
Mit dem Ziel, passende Angebote und Aktivitäten im gesamten Spektrum des Musiklebens für Demenzbetroffene, ihre Familien und Unterstützenden bundesweit besser zugänglich zu machen, engagiert sich die Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft in der Bundesinitiative Musik & Demenz . Gemeinsam mit dem Deutschen Musikrat, der Deutschen Gesellschaft für Musikgeragogik und dem Bundesmusikverband Chor und Orchester setzt sich die Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft in der BIMuD zur Entwicklung von Versorgungsstrukturen im Bereich Musik ein. Dabei wird genau geschaut, welche Zielsetzungen, Settings, Methoden, Zielgruppen und Qualifikationen für die spezifischen Aktivitäten und Angebote in den Bereichen Behandlung, Betreuung, soziale und kulturelle Teilhabe angemessen sind.
Bei Interesse an Musiktherapie für Menschen mit Demenz, und wenn eine musiktherapeutische Fachkraft zur Unterstützung Betroffener gesucht wird, kann die Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft und die Bundesinitiative Musik & Demenz weiterhelfen.

Prof. Dr. sc. mus. Jan Sonntag
Musiktherapeut, Forscher, Autor
Jan Sonntag Hamburg – Musiktherapie
Verwendete Literatur
DGN e. V. & DGPPN e. V. (Hrsg.) S3-Leitlinie Demenzen, Version XX, 8.11.2023, verfügbar unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/038-013, Zugriff am 20.02.2026
Mainka, S. & Weymann, E. (2023): Musiktherapie – neu definiert. Journal of Arts Therapies, Vol. 5., https://dx.doi.org/10.3205/jat000030, verfügbar unter https://www.egms.de/static/de/journals/jat/2023-5/jat000030.shtml , Zugriff am 01.06.2026
van der_Steen_JT, van der_Wouden_JC, Methley_AM, Smaling_HJ A, Vink_AC, Bruinsma_MS. Music-based therapeutic interventions for people with dementia. Cochrane Database of Systematic Reviews 2025, Issue 3. Art. No.: CD003477. DOI: 10.1002/14651858.CD003477.pub5.
Wosch, T. & Eickholt, J. (2019): Wirksamkeitsnachweise Musiktherapie für Menschen mit Demenz. Übersicht und Beurteilung. Psychotherapie im Alter, 16(1), 49–56.
Wosch, T., Strehlow, G., Schmidt, U. & Wormit, A. (2025): Musiktherapie, verfügbar unter https://www.socialnet.de/lexikon/Musiktherapie , Zugriff am 01.06.2026
Weiterführende Literatur zu Musiktherapie bei Demenzen
Muthesius, D., Sonntag, J., Warme, B., Falk, M. (2019): Musik – Demenz – Begegnung. Musiktherapie für Menschen mit Demenz. vollst. überarb. Neuaufl. Frankfurt: Mabuse.
Sonntag, J. (2024): Demenz und Atmosphäre. Musiktherapie als ästhetische Arbeit. 3. Aufl. Frankfurt: Mabuse.
Wormit, A.F., Hillecke, T.K., Moreau, D., Diener, C. (2020): Musiktherapie in der geriatrischen Pflege. Ein Praxisleitfaden. München: Reinhardt.