Welche Potenziale bietet Tanzen im Sitzen?

Tanzen im Sitzen macht Bewegung zur Musik auch bei nachlassender Kraft oder Mobilität möglich – zum Beispiel für Menschen mit Demenz, im Rollstuhl oder mit leichten körperlichen oder geistigen Einschränkungen.

Tanzen im Sitzen – geht das überhaupt?

Die Teilnehmer*innen meiner Gruppen antworten: „Und wie das geht!“

Seniorinnen sitzen im Kreis, halten sich an den Händen und neigen sich gemeinsam nach links.

Wenn Gelenkverschleiß, Schwindel oder nachlassende Kraft dazu führen, dass man nicht mehr auf eigenen Beinen rückwärts und seitwärts laufen oder sich drehen kann, so muss es keinesfalls mit dem Tanzen vorbei sein.

Tanzen im Sitzen bietet die Möglichkeit, weiterhin im Takt der Musik zu schwingen. Man benötigt dazu auch keine Tanzpartner*innen.

Dafür gibt es eine riesige Auswahl an Tänzen, die für alle Zielgruppen etwas bietet: von Menschen mit Demenz oder im Rollstuhl bis zu Teilnehmenden mit nur geringen körperlichen oder geistigen Einschränkungen in der offenen Altenarbeit.

Vorbemerkung

Da ich meine Ausbildung beim Bundesverband Seniorentanz e. V. absolviert habe und weiterhin Mitglied des Verbandes und seit 2024 Leiterin des Arbeitskreises Tanzen im Sitzen des Landesverbandes Berlin-Brandenburg/Sachsen-Anhalt bin, beziehe ich mich auf „Tanzen im Sitzen“, wie es in diesem Verband praktiziert wird.

Wie laufen Tänze im Sitzen ab?

Beim Tanzen im Sitzen sitzen die Teilnehmenden üblicherweise auf Stühlen im Kreis. Die Tanzleitung nennt Titel des Tanzes und der Musik, erklärt und zeigt nach und nach die Bewegungsabfolgen, übt diese mit den Teilnehmenden ein und tanzt dann während des ganzen Musikstückes mit. Gleichzeitig werden die Bewegungen sprachlich im Rhythmus der Musik begleitet. Erkennt die Tanzleitung zunehmende Sicherheit in den Bewegungen, so nimmt sie die sprachliche Begleitung nach und nach zurück.

Mit Blick und ggf. Sprache steht die Tanzleitung während des ganzen Tanzes in Kontakt mit den Tänzer*innen. Dabei wird nie jemand persönlich korrigiert – alle machen es so gut sie können!

Bei vielen Tänzen bewegt sich die Teilnehmenden allein, es gibt aber auch Tänze, in denen man im Kreis durchfasst und sich gemeinsam bewegt, den Nachbar*innen auf das Knie klopft, ein Handgerät weitergibt o.ä.

In Aus- und Weiterbildung lernen Tanzleitungen, passende Tänze für ihre Zielgruppe auszuwählen oder auch Tänze anzupassen.

Tanzarten

Es gibt verschiedene Arten von Tänzen im Sitzen:

Gymnastische Tänze

Bei Gymnastischen Tänzen werden wiederkehrende Bewegungsabfolgen zur Musik getanzt, quasi eine sportliche Variante von Tänzen.

Tänze mit Handgeräten

Tänze mit Handgeräten können als Basis sowohl gymnastisch, als auch thematisch sein. Zusätzlich werden verschiedenste Handgeräte verwendet: Tücher oder Servietten, bunte Bänder, Bälle, Schwämme, Fächer, Teelichter in Gläsern, Waschhandschuhe, kleine Kirschkernkissen, „Zauberschnur“ (ein langes, etwas elastisches „Seil“) usw.

Erfahrungsgemäß freuen sich viele Tänzer*innen besonders auf diese Tänze, da Optik und Sensorik stärker angesprochen werden und z.B. Bewegungen mit Tüchern gleich schwungvoller und „schöner“ aussehen.

Thementänze

Bei Thementänzen werden mit den Bewegungen kleine „Geschichten“ erzählt: vom Gewitter, vom Kuchenbacken, dem Ablauf der Jahreszeiten o. ä. Besonders bei diesen Tänzen werden Erinnerungen an die Vergangenheit und Emotionen geweckt.

Interaktive Tänze

Hierbei kann die Basis einer der oben genannten vier Tanzarten sein. Getanzt werden kann mit einer Person (aus der Gruppe, Angehörige), die daneben sitzt oder vor den Sitztanzenden steht. Besondere Begegnungen entstehen bei interaktiven Tänzen, die Senior*innen mit Kindern gemeinsam tanzen.

Tänze mit Instrumenten

Als Instrumente für diese Tänze kommen z. B. Klanghölzer, Rasseln, Handtrommeln, Schellen, Triangeln oder Kastagnetten in Frage. Es gibt Tänze, in denen alle Teilnehmende das gleiche Instrument verwenden (meist Klanghölzer, Rasseln oder Kastagnetten), in anderen Tänzen werden verschiedene Instrumente verwendet.

In die verschiedenen Tänze fließen je nach Choreograph*in Elemente aus verschiedenen Bereichen ein: Folkloristische Tänze, Gesellschaftstanz, Yoga, Atemgymnastik, Tai Chi usw.

Einige typische Bewegungen beim Tanzen im Sitzen

Fingertippen

Nacheinander tippen die Finger einer Hand auf den Daumen. Dabei bilden die Finger möglichst einen Kreis, so dass die Fingerkuppen aufeinandertreffen. Fingertippen kann „vorwärts“ – vom Zeigefinger zum kleinen Finger – oder „rückwärts“ – vom kleinen Finger zum Zeigefinger – durchgeführt werden.

Man kann es langsam – wobei man ggf. die Fingerspitzen kurz etwas fester zusammendrückt und jeden Finger nach dem Tippen wieder streckt – oder schnell – zum Training schneller Bewegungen – durchlaufen, jeweils nur mit einer Hand oder mit beiden gleichzeitig.   

Weitere Tippbewegungen

Es kann auch mit den Fingerspitzen auf Schulter oder Knie getippt werden oder mit den Füßen auf dem Boden, z.B. vorwärts, seitwärts, rückwärts.

Senkrechter Kreis mit den Armen

Mit beiden Armen gleichzeitig wird vor dem Körper in einer fließenden Bewegung ein großer senkrechter Kreis beschrieben – meistens beginnen die Hände mittig vor dem Körper, werden angehoben, trennen sich in Kopfhöhe oder höher (je nach körperlicher Möglichkeit), beschreiben nach außen hin senkrechte Bögen nach unten und werden vor der Körpermitte wieder zusammengeführt.

Schulterkreisen

Die Schultern kreisen einzeln oder gleichzeitig – vor allem aber rückwärts, um ein Aufrichten des Oberkörpers zu unterstützen.

Schultern heben und senken

Die Schultern werden einzeln oder gleichzeitig angehoben und gelenkschonend in einer kontrollierten Bewegung wieder gesenkt.

Überkreuzbewegungen mit Armen und Beinen

Beispiel: Der rechte Arm wird vorgestreckt, gleichzeitig wird die linke Ferse so aufgestellt, dass das Bein so gut wie möglich gestreckt ist. Arm und Bein werden zum Körper zurückgeführt, dann sind der linke Arm und das rechte Bein „gegengleich“ dran.

Oder: Der rechte Fuß beschreibt auf dem Boden einen Kreis im Uhrzeigersinn, gleichzeitig macht der linke Arm einen waagerechten Kreis gegen den Uhrzeigersinn, dann machen dies der linke Fuß gegen den Uhrzeigersinn und der rechte Arm im Uhrzeigersinn.

Tipp: Bei diesen Bewegungen achte ich vor allem darauf, dass Arm und Bein überkreuz gemeinsam bewegt werden. Weniger wichtig ist, dass dies auch noch in der richtigen Richtung gemacht wird.

Oder: Der rechte Arm schwingt nach rechts, gleichzeitig tippt der linke Fuß nach links, anschließend folgen linker Arm nach links und rechter Fuß nach rechts.

Nachstellschritt

Der rechte Fuß wird ein Stück nach vorne gestellt, dann der linke Fuß daneben. Anschließend wird der rechte Fuß wieder an seinen ursprünglichen Platz gestellt und der linke Fuß daneben.

Dies ist nur eine kleine Auswahl typischer Bewegungen! Genaueres lernt man in der Ausbildung zur Tanzleitung oder kann es in den Broschüren mit Tanzbeschreibungen finden.

Eine Tanzstunde im Sitzen

Eine Tanzstunde im Sitzen wird häufig zu einem Thema gestaltet, z.B. „Urlaub“ (Foto unten links) oder „Eine runde Sache“ (Foto unten rechts), „Berufe“ o. ä. Die Tanzleitung wählt dafür Tänze im Sitzen aus, die an die jeweilige Zielgruppe angepasst sind.

In der Mitte des Stuhlkreises finden sich themenbezogene Bilder oder Gegenstände. Passend zum Thema gibt es zwischen den Tänzen Gedichte, kleine Geschichten, Gespräche, Spiele, Rätsel, Gedächtnistraining o. ä.

Zunächst gibt es Tänze zur Begrüßung und zum Aufwärmen, dann Tänze zum Thema und am Ende einen Abschlusstanz. Schwierige und einfache Tänze, schnelle und langsame werden so zusammengestellt, dass sich Phasen der Konzentration und der entspannten Bewegung zur Musik abwechseln.

Tipp: Die Dauer einer Tanzstunde wird an die Zielgruppe angepasst; in der offenen Altenarbeit sind es oft 60 Minuten, in Pflegeheimen reichen häufig 45 Minuten, und für Menschen mit Demenz sind es manchmal nur 20 Minuten.

Es ist auch möglich, einzelne Tänze zur Auflockerung in eine Singstunde, eine Chor- oder Orchesterprobe, einen Seniorenkreis, ein Fest o. ä. einzubauen.

Gesundheitliche Aspekte

Abgesehen davon, dass Tanzen im Sitzen viel Freude bereitet, gibt es außer dieser emotionalen und sozialen Komponente auch noch einige weitere positive körperliche und geistige Auswirkungen auf die Gesundheit:

Beweglichkeit und Haltung

Die Gelenke werden bewegt, ohne sie sehr zu belasten – empfohlen z.B. bei Arthrose. Durch die Ausführung der Bewegung im Sitzen lastet fast kein Gewicht auf Knien und Füßen.

Die Beweglichkeit vieler Gelenke wird durch regelmäßiges Tanzen im Sitzen erhalten – dabei führt jede Person die Bewegungen nach den eigenen Möglichkeiten aus.

Schon bei der Choreografie der Tänze wird auf gelenkschonende Bewegungen geachtet. Wenn es möglich ist, sitzen die Tanzenden etwas von der Stuhllehne vorgerückt, so dass sie ihre Rücken- und Bauchmuskulatur beanspruchen und eine aufrechtere Haltung einnehmen („aktivierendes Sitzen“).

Bewegungen wie das Rückwärtskreisen der Schultern oder das Aufrichten des Oberkörpers, wenn man mit den Armen einen senkrechten Kreis beschreibt, fördern diese aufrechte Haltung zusätzlich.

Teilnehmende berichten, dass ihnen die Bewegungen zur Musik leichter fallen als z.B. krankengymnastische Übungen und sie häufig während des Tanzens ihre Schmerzen und Einschränkungen vergessen.

Konzentration und Gedächtnis

Von Durchgang zu Durchgang nimmt die Tanzleitung die sprachliche Begleitung zurück – die Tanzenden sollen sich so nach und nach die Choreographie des Tanzes merken.

Bestimmte Bewegungen finden sich in vielen Tänzen wieder, die Abfolge der Bewegungen ist jedoch von Tanz zu Tanz unterschiedlich.  So entsteht eine Mischung aus Bekanntem und Neuem, das Gehirn wird gefordert, ohne dass eine permanente Überforderung entsteht.

Koordination

Bewegungen werden in bestimmten Abfolgen durchgeführt; jede Körperseite kommt dran. Manchmal muss man Bewegungen gleichzeitig mit dem rechten Arm und dem linken Bein machen und umgekehrt; diese Überkreuzbewegungen sollen auch die Vernetzung der beiden Gehirnhälften fördern.

Atmung

Viele ältere Menschen leiden unter Kurzatmigkeit. Mit einer aufrechten Körperhaltung fällt das Atmen leichter, der Brustkorb ist weiter. Immer wieder finden sich in Tänzen auch Elemente, in denen die Atmung eingesetzt wird – ob bei einem Tanz zum Sturm die Bewegung mit einem lauten „Hui!“ begleitet wird oder man bei einer getanzten Bergwanderung vor „Anstrengung“ stöhnt und beim „Ausblick vom Gipfel“ tief seufzt.

Tanzen im Sitzen mit Menschen mit Demenz

Forscher des Max-Planck-Instituts haben herausgefunden, dass das langzeitliche Musikgedächtnis bei Alzheimer-Betroffenen besonders lange verschont bleibt. [1]

Das Tanzen im Sitzen kommt Menschen mit Demenz besonders entgegen, weil sie sich nicht im Raum bewegen und orientieren müssen. Ich habe beobachtet, dass beim Erklingen von Tanzmusik (z. B. alten Schlagern) die Aufmerksamkeit der Menschen mit Demenz steigt und sie in der Lage sind, einfache Bewegungsabfolgen mitzumachen. Selbst wenn es Musik ist, die sie nicht aus ihrer Vergangenheit kennen, werden sie aktiver. Bekannte Lieder animieren auch zum Mitsingen. Menschen mit fortgeschrittener Demenz wiegen sich häufig im Takt der Musik, wirken entspannt und positiv gestimmt. Da alle Teilnehmenden auf ihren Stühlen sitzen bleiben, stört es nicht, wenn jemand andere Bewegungen macht als die anderen.

Tipp: Für Menschen mit Demenz wählt man wenige Tänze aus, die man häufig wiederholt, und macht immer denselben Begrüßungs- und Abschlusstanz – dies gibt Sicherheit.

Tanzen im Sitzen als Demenzprävention

Einen besonderen Stellenwert kann das Tanzen im Sitzen vor allem in der Demenzprävention einnehmen. Mit Tanzen im Sitzen kann man gleich mehreren der 14 beeinflussbaren Risikofaktoren für Demenz [2] entgegenwirken:

  • Man tanzt in Gesellschaft und wirkt so Einsamkeit und Isolation entgegen.
  • Man ist regelmäßig in Bewegung.
  • Man fordert sein Gehirn, da es in den Tänzen immer wieder neue Bewegungen und Bewegungsabfolgen gibt.
  • Musik und Bewegung zu Musik hebt die Stimmung und kann depressiven Verstimmungen entgegenwirken.
  • Die meisten hochbetagten Tanzenden sind motiviert, ihr Hörgerät zu tragen, um die Musik und die Stimme der Tanzleitung gut zu verstehen.
  • Tanzen im Sitzen ist im Idealfall eine gute Mischung aus Anstrengung und Entspannung.

Ausbildung zum/zur Tanzleiter*in für Tanzen im Sitzen

Beim Bundesverband Seniorentanz e. V. kann man z.B. eine Ausbildung zur Tanzleitung für Tanzen im Sitzen machen. Diese umfasst dreimal 16 Lerneinheiten (LE) und ist an die jährliche Fortbildungsverpflichtung für zusätzliche Betreuungskräfte nach §§ 43b, 53b SGB XI angepasst. Nach Ende der Ausbildung erhält man ein Zertifikat mit einer Gültigkeit von drei Jahren. Um es zu verlängern, muss man innerhalb der drei Jahre an einer Weiterbildung im Umfang von 16 LE teilnehmen.

Mit der abgeschlossenen Ausbildung kann man z.B. als Angestellte in einem Pflegeheim den Alltag der Bewohner*innen abwechslungsreicher gestalten oder auch freiberuflich Tanzgruppen in der offenen Altenarbeit anbieten.

Informationen zur Ausbildung zum/zur Tanzleitung für Tanzen im Sitzen, Beispielvideos, Veranstaltungshinweise, Tanzgruppen, Kontaktinformationen zum Bundesverband, zu Landesverbänden und Arbeitskreisen und viele Broschüren mit Tanzbeschreibungen in verschiedenen Schwierigkeitsstufen inkl. zugehörigen CDs findet man auf der Seite www.erlebnis-tanz.de .

Es wird auch eine Ausbildung zur Seniorentanzleitung angeboten, deren Abschluss dem einer Übungsleitung im Sportverein gleichgestellt ist. Dabei liegt der Schwerpunkt auf Tänzen auf der Fläche (z.B. Kreistänze, Folkloretänze, Blocktänze), dazu kommen Tänze im Sitzen.

Außerdem kann man ein Modul für Tänze mit Rollator belegen und im Webshop eine Broschüre für „Tänze am Stuhl“ erwerben.

Für das Tanzen im Sitzen mit Menschen mit Demenz findet man in folgenden Broschüren des Bundesverbandes Seniorentanz e. V. besonders viele einfache Tänze:

  • Bewegte Lieder/Bewegte Lieder im Jahreslauf
  • Einfach spitze! – Leichte Tänze im Sitzen
  • Schlager nach 1945

Maike Biesgen
zertifizierte Tanzleiterin für Tanzen im Sitzen im Bundesverband Seniorentanz e.V.

Erstellt: Januar 2026

Fußnoten

[1] https://www.mpg.de/9259430/musikgedaechtnis-alzheimer

[2] 14 Risikofaktoren für Demenz – Zum Beispiel zu finden auf der Seite der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft www.deutsche-alzheimer.de/praevention