Musik wird oftmals als „Königsweg“ im Umgang mit Menschen mit Demenz bezeichnet, denn Musikhören, Singen und gemeinsames Musizieren können sich in vielfältiger Weise positiv auf Menschen mit Demenz auswirken. Das liegt unter anderem daran, dass musikalisches Erleben keine Denk- und Sprachfähigkeiten voraussetzt und viele verschiedene Gehirnregionen einbezieht. Musik spricht den ganzen Menschen an, mit Körper und Geist, Gefühlen, Erinnerungen und sozialen Bedürfnissen. Interessanterweise sind bestimmte Hirnareale, die für das musikalische Langzeitgedächtnis wichtig sind, weniger von den Abbauprozessen der Alzheimer-Krankheit betroffen und bleiben trotz der Erkrankung oft weitgehend intakt.[1]
In diesem Video, das vom BMCO für das Projekt Länger fit durch Musik! produziert worden ist, werden Zusammenhänge von Musik und Demenz anschaulich und übersichtlich erläutert:
Wirkungspotenziale von Musik
Anregung
Musik kann anregen und aktivieren auch bei schwerer Demenz. So soll zum Beispiel der Philosoph Immanuel Kant, der vermutlich an der Lewy-Körperchen-Demenz erkrankt war, zuletzt nur noch durch den Klang von Militärkapellen aus seiner Apathie zu wecken gewesen sein, die unter seinem Fenster vorbeizogen.[2]
Wohlbefinden
Musik kann durch ihre atmosphärische Wirkung positive Erlebnisräume schaffen, das emotionale Wohlbefinden steigern und die Stimmung verbessern. Belastende Symptome wie Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit oder Orientierungslosigkeit können durch Musik verringert werden.
Wecken von Erinnerungen
Vertraute Lieder können Erinnerungen wecken und Ressourcen sichtbar machen, die vielleicht schon verloren geglaubt waren: Viele Menschen erinnern sich selbst in fortgeschrittenen Demenzstadien noch an vertraute Melodien und Liedtexte und oftmals auch an damit emotional verknüpfte Lebensereignisse. Denn Musik ist eng mit der eigenen Lebensgeschichte verbunden. Die Erinnerungen können Freude auslösen, aber auch schmerzhaft sein oder bewusst machen, was verloren ging. Deshalb ist es wichtig, persönliche Musikvorlieben und individuelle Musikbiografien zu berücksichtigen.
Sicherheit
Musik wirkt oft beruhigend, reduziert Unruhe oder Angst und trägt so zu mehr Sicherheit bei.
Gemeinschaftserleben
Das Gemeinschaftserleben wird gestärkt: Gemeinsames Musizieren schafft Verbundenheit und Momente des Miteinanders. Das kann sich auch ohne Worte in Blickkontakt, Mimik oder Gestik zeigen.
Lebensqualität
Schließlich können musikalische Aktivitäten dazu beitragen, die Lebensqualität von Menschen mit Demenz und ihrem Umfeld zu verbessern.
Die Wirkungspotenziale von Musik bei Demenz werden traditionell vor allem im Kontext der Musiktherapie erforscht.[3] Mittlerweile finden aber auch musikalische Freizeitaktivitäten wie Chorsingen, Tanz und Instrumentalspiel in der Forschung zunehmend Beachtung und es konnten ähnliche positive Wirkungen nachgewiesen werden.[4]
Nachgefragt: Oft hängen die verschiedenen möglichen Wirkungen eng zusammen: Indem Musik aktiviert, das Wohlbefinden verbessert und Erinnerungen weckt, kann die eigene Identität besser gespürt werden. Das erleichtert es wiederum, bedeutsame Verbundenheit mit anderen Menschen herzustellen.
Zeitliche Aspekte
Positive Effekte zeigen sich in der Regel unmittelbar in der Situation und kurz danach. Langfristige Wirkungen sind im Kontext von Demenz schwierig zu untersuchen und letztendlich für die Motivation, mit Menschen mit Demenz zu musizieren, nicht entscheidend – ein erfüllter Augenblick oder eine erfüllte Stunde im Hier und Jetzt, in der die Krankheit vorübergehend in den Hintergrund rückt, ist für sich genommen schon ein wertvoller Gewinn an Lebensqualität und kann auch für Pflegende bewegend oder entlastend sein. So berichtet eine ehrenamtliche Singpatin, die regelmäßig eine schwer demenziell erkrankte Pflegeheimbewohnerin zu einem inklusiven Singangebot begleitet:
„Sie erkennt mich jedes Mal nicht wieder, wenn ich sie abhole. Sie weiß nicht, wer ich bin. Aber wenn wir dann zurück gehen, ist sie aufgeschlossen und lebhaft, und sie erzählt mir Geschichten aus ihrem Leben, zeigt mir ihr Zimmer und will, dass ich hinterher noch einen Moment bleibe. Und dann ist der Kontakt ganz nah plötzlich. Wobei ich genau weiß: das nächste Mal fange ich wieder von vorne an. Aber dafür lohnt es sich trotzdem.“

Potenziale und Grenzen
Abschließend sollte bedacht werden, dass die Wirkungen von Musik auf Menschen sehr unterschiedlich ausfallen können. Man sollte sich dieser Potenziale bewusst sein, aber auch die Grenzen kennen und wissen, dass Musik – je nach Vorerfahrungen – auch andere, ggf. negative Einflüsse haben oder unerwartete Gefühle wecken könnte. Wichtig ist es, in der Praxis in besonderer Weise achtsam zu sein und einen guten Blick für die Einzelnen einer Gruppe zu haben.
Dieser Beitrag ist in ähnlicher Form im Begleitmaterial zur Demenz Partner Schulung „Musizieren in Chören und Instrumentalensembles“ zu finden, die 2024/25 in Kooperation des BMCO mit der PH Karlsruhe und dem Netzwerk Alternsforschung der Universität Heidelberg entwickelt und auf der Homepage der Initiative Demenz Partner veröffentlicht wurde.
Fußnoten
[1] Jacobsen, J.-H., Stelzer, J., Fritz, T. H., Chételat, G.; La Joie, R. & Turner, R. (2015). Why musical memory can be preserved in advanced Alzheimer’s disease. Brain, 138(8), 2438–2450. DOI: 10.1093/brain/awv135.
[2] Wojnar, J. (2007). Die Welt der Demenzkranken. Leben im Augenblick. Vincentz Network.
[3] McDermott, O., Orrell, M. & Ridder, H.-M. (2014). The importance of music for people with dementia: the perspectives of people with dementia, family carers, staff and music therapists. Aging Ment Health, 18(6). 706–716. DOI: 10.1080/13607863.2013.875124.
Moreno-Morales, C., Calero, R., Moreno-Morales, P., & Pintado, C. (2020). Music Therapy in the Treatment of Dementia: A Systematic Review and Meta-Analysis. Front Med (Lausanne). DOI: 10.3389/fmed.2020.00160.
Wosch, T. & Eickholt, J. (2019). Wirksamkeitsnachweise Musiktherapie für Menschen mit Demenz. Übersicht und Beurteilung. Psychotherapie im Alter, 16(1), 49–56.
[4] Särkämö, T. (2018). Music for the ageing brain: Cognitive, emotional, social, and neural benefits of musical leisure activities in stroke and dementia. Dementia (London), 17(6), 670–685. DOI: 10.1177/1471301217729237.
Dawudi, M., Schall, A., Tesky, V. A., & Pantel, J. (2024). The psychosocial and physiological effects of choir-singing in people with dementia: A pilot study. GeroPsych: The Journal of Gerontopsychology and Geriatric Psychiatry, 37(1), 3–13. DOI: 10.1024/1662-9647/a000323