Veränderte Wahrnehmungswelt bei Demenz
Im Umgang mit Menschen mit Demenz ist zu beachten, dass eine Demenzerkrankung das Erleben der Betroffenen deutlich verändert, insbesondere Orientierung, Wahrnehmung und Selbstbild. Zeitliche und räumliche Orientierung gehen zunehmend verloren, was häufig Angst, Unsicherheit oder Wut auslöst. Wahrnehmung und Realität stimmen immer weniger mit der Umwelt überein, viele Menschen leben zeitweise in vergangenen Lebensphasen. Die Emotionalität bleibt jedoch bis zuletzt erhalten: Stimmungen, Haltung und Tonfall des Gegenübers werden sehr fein gespürt und beeinflussen das Erleben maßgeblich. Ebenso bestehen grundlegende menschliche Bedürfnisse wie Selbstbestimmung, Sicherheit, soziale Zugehörigkeit und das Leben in vertrauter Umgebung fort.
Positive Wirkung von Validation
Demenzerkrankungen verlaufen sehr unterschiedlich. Bedürfnisse, Fähigkeiten und Verhaltensweisen variieren von Person zu Person und verändern sich im Verlauf der Erkrankung ebenso wie abhängig von Tagesform und Tageszeit. Es gibt daher keine allgemeingültigen Rezepte für den Umgang mit Menschen mit Demenz. Entscheidend ist, aufmerksam wahrzunehmen, was dem einzelnen Menschen in der jeweiligen Situation hilft, und flexibel darauf zu reagieren.
Das Wissen über die veränderte Wahrnehmung von Menschen mit Demenz kann helfen, Aussagen und Verhaltensweisen besser einzuordnen und empathisch zu reagieren, statt zu widersprechen und damit möglicherweise Verunsicherung oder Abwehr auszulösen. So lassen sich Missverständnisse und Konflikte in manchen Situationen vermeiden.

Ein Beispiel aus der Praxis verdeutlicht dies:
Frau M. nimmt an einem Singangebot in ihrer Pflegeeinrichtung teil und singt in der Regel sehr sicher und mit großer Freude. Eines Tages fordert sie jedoch mitten in der Probe, dass aufgehört werden solle. Auf Nachfrage stellt sich heraus, dass sie sich in ihrer eigenen Wahrnehmung auf einer Hochzeitsfeier befindet und nun „zum Buffet gehen“ möchte. Die Leitung geht auf diese subjektive Realität ein, erklärt ruhig, dass das Buffet noch vorbereitet werde, und schlägt vor, die Zeit noch zum Singen zu nutzen. Frau M. ist einverstanden und die Probe kann fortgesetzt werden.
Das Beispiel zeigt, wie hilfreich es sein kann, die innere Wirklichkeit der Betroffenen ernst zu nehmen, statt sie korrigieren zu wollen (Validation).
Tipps zur besseren Verständigung
Folgende allgemeine Hinweise können außerdem für Gesprächssituationen mit Menschen mit Demenz nützlich sein:
- Blickkontakt aufnehmen und halten
- sich mit vollem Namen und ggf. Funktion vorstellen
- freundlich, ruhig und zugewandt auftreten
- aufmerksam zuhören und Zeit zum Antworten lassen
- einfache, kurze Sätze verwenden und nur eine Information auf einmal geben
- Worte mit Gestik und Mimik unterstützen und auf Körpersprache achten
- Ja-Nein-Fragen stellen; Wissensfragen oder Fragen zur näheren Vergangenheit vermeiden
- Themen aus dem Hier und Jetzt aufgreifen, ggf. aus dem unmittelbaren Blickfeld
- Anerkennung zeigen für das, was gelingt
- nicht korrigieren, kritisieren oder auf Defizite hinweisen
Im Online-Shop der Deutschen Alzheimer Gesellschaft finden Sie „11 Tipps zur besseren Verständigung mit Menschen mit Demenz “, kostenlos erhältlich als Postkarte oder Plakat (DIN A3 und DIN A4) sowie in verschiedenen Sprachen (u. a. italienisch, polnisch, türkisch und arabisch). Solch eine Übersicht kann eine hilfreiche Unterstützung beispielsweise für Ehrenamtliche und Ensemblemitglieder sein, um sich diese Hinweise stets vor Augen zu führen.
Kommunikation durch Musik
Viele dieser Hinweise lassen sich auf musikalische Gruppenangebote übertragen. Als sprachunabhängiges Kommunikationsmedium bietet Musik ein besonderes Potenzial, mit Menschen mit Demenz in Kontakt zu kommen: Musik kann Stimmungen verstärken, Erinnerungen wecken und Nähe schaffen – zugleich erfordert sie aber insbesondere im Gruppensetting eine sensible Gestaltung von Rahmen, Ansprache und Erwartungen.
Die folgenden Hinweise beziehen sich daher speziell auf musikalische Gruppenangebote und ergänzen die allgemeinen Kommunikationstipps um musikbezogene Aspekte.
Ruhe, Sicherheit und Orientierung vermitteln
Klare Strukturen, Rituale und ein verlässlicher Ablauf geben Orientierung und Sicherheit. Dafür bieten sich beispielsweise wiederkehrende Elemente wie Begrüßungs- und Abschiedslieder an. Eine ruhige, übersichtliche Atmosphäre ohne Zeit- oder Leistungsdruck hilft, Reizüberflutung zu vermeiden und Wohlbefinden zu fördern. Ansagen sollten möglichst nicht „in die Musik hinein“ erfolgen, da gesprochene Worte während des Singens oder Musizierens oft schwer verständlich sind und die Konzentration stören können.
Nicht korrigieren, sondern begleiten
Menschen mit Demenz sollten auch im musikalischen Kontext nicht auf Fehler oder Defizite hingewiesen werden. Kritik oder Überforderung kann Frust auslösen und die Freude an der Aktivität mindern. Auch Wissensfragen sind meist wenig zielführend. Stattdessen bieten sich Themen und Impulse aus dem Hier und Jetzt an, die unmittelbar erlebt werden können, sowie niedrigschwellige und intuitive Möglichkeiten, sich musikalisch zu beteiligen.
Ressourcenorientiertheit und Selbstwirksamkeit
Vorhandene Fähigkeiten aufgreifen: Im Rahmen musikalischer Angebote sind das oftmals rhythmische Fähigkeiten oder das Singen vertrauter Lieder. Vielleicht sind auch instrumentale Vorkenntnisse vorhanden, die aufgegriffen werden können. Einfache Auswahlmöglichkeiten (z. B. eines Rhythmusinstruments oder eines Lieds) fördern ebenfalls Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit. Leistungsorientiertes Üben sollte vermieden werden; entscheidend ist nicht das Ergebnis, sondern das gemeinsame Tun und die Freude am musikalischen Moment.
Beziehung, Respekt und Wertschätzung
Musikalische Gruppenangebote bieten vielfältige Gelegenheiten für Beziehungsgestaltung. Kurze persönliche Begegnungen vor, nach oder während der Probe, aufmerksames Zuhören und das Ernstnehmen von Beiträgen – auch wenn sie sich wiederholen oder thematisch abschweifen – vermitteln Wertschätzung. Lob, Ermutigung und echtes Interesse stärken das Gefühl von Zugehörigkeit und tragen dazu bei, dass Menschen mit Demenz sich gesehen und angenommen fühlen.
Weiterführende Artikel
Teile dieses Beitrags sind in ähnlicher Form im Begleitmaterial zur Demenz Partner Schulung „Musizieren in Chören und Instrumentalensembles“ zu finden, die 2024/25 in Kooperation des BMCO mit der PH Karlsruhe und dem Netzwerk Alternsforschung der Universität Heidelberg entwickelt und auf der Homepage der Initiative Demenz Partner veröffentlicht wurde.
Quelle
Deutsche Alzheimer Gesellschaft e. V. (Hrsg.) (2023). Demenz. Das Wichtigste (10. Aufl.).
