Was bedeutet demenzsensible Probenmethodik?

Biografiearbeit bis Warmup – demenzsensible Probenmethodik bietet vielseiteige Möglichkeiten, bei der (unter Berücksichtigung der speziellen Bedürfnisse von Menschen mit Demenz) Musik und Mensch im Fokus stehen.

Für die Auswahl von passendem Repertoire und die methodische Gestaltung eines demenzsensiblen Musikangebots spielen verschiedene Kriterien eine Rolle. Je nach Setting, Zielgruppe, Vorerfahrungen und Zielsetzung werden die einzelnen Kriterien bei der konkreten Planung unterschiedlich stark ins Gewicht fallen.

Technischer Anspruch

Zunächst einmal sind stimmliche und motorische Grundvoraussetzungen zu beachten, die sich mit zunehmendem Alter bei allen Menschen – mit oder ohne Demenzerkrankung – verändern. Körperliche Alterungsprozesse und damit verbundene Funktionsverluste verlaufen individuell sehr unterschiedlich, daher können sich die Voraussetzungen zwischen verschiedenen Gruppen und auch innerhalb einer Gruppe stark unterscheiden. Die Leitung sollte fähig und bereit dazu sein, nach Bedarf zu vereinfachen, anzupassen und situativ auf Unvorhergesehenes zu reagieren: Heterogenität erfordert Flexibilität.

Stimme

Im Prozess des Alterns reduziert sich beispielsweise der Stimmumfang, sodass zum Singen eine bequeme Tonlage gewählt werden sollte: Diese liegt für den Sopran zwischen ca. c‘ und d“/e“, für den Alt von ca. g/a bis h‘ und für die Männerstimmen jeweils ca. eine Oktave tiefer.

Im Kontext von Demenzerkrankungen ist eine Mehrstimmigkeit nach dieser klassischen Einteilung jedoch meist überfordernd. Es bieten sich also einstimmiges Singen oder einfachere Formen der Mehrstimmigkeit wie Kanons an. Die gewählten Lieder sollten daher einen überschaubaren, für alle Stimmlagen bequemen Ambitus haben, in meist recht tiefer Lage, was anfangs aus Leitungsperspektive ungewohnt sein mag.

Instrument

Auch die Beweglichkeit der Finger nimmt aufgrund altersbedingter Veränderungen ab, wodurch die Spielmöglichkeiten am Instrument eingeschränkt sein können.

Möglichkeiten der Kompensation sind beispielsweise die Vereinfachung von schnellen Stellen (z. B. Läufe auf Harmonietöne herunterbrechen), alternative Spieltechniken (z. B. Akkorde auf einer entsprechend gestimmten Tischharfe spielen statt gezupfter Melodien) oder die Verwendung von elementarem Instrumentarium, das auch mit eingeschränkten motorischen Fähigkeiten gespielt werden kann.

Biografieorientierung

Eine Gruppe Senior*innen sitzt auf Stühlen. Sie sind alle für den Karneval verkleidet und haben Notenbücher in den Händen. Alle lachen in Kamera.
Foto: Birgit Beintner

Musik kann vor allem dann Erinnerungen wecken und emotionale Zugänge schaffen, wenn sie an die Lebenswelt der Teilnehmenden anknüpft. Es empfiehlt sich daher, sich bei der Repertoireauswahl an den Biografien der Teilnehmenden zu orientieren: Welche Musik war in der Jugend oder im Erwachsenenalter der Beteiligten prägend? Welche Lieder, Genres oder Interpret:innen sind vertraut? Gibt es möglicherweise Teilnehmende, die selbst ein Instrument gespielt oder lange im Chor gesungen haben? Welche Migrationsgeschichten und Familiensprachen gibt es in der Gruppe?

Oft können Angehörige und manchmal auch Pflege- oder Betreuungskräfte darüber Auskunft geben. Musikbiografische Fragebögen können dabei ein gutes Hilfsmittel sein. Im Gruppenkontext gestaltet sich biografieorientiertes Arbeiten naturgemäß schwieriger als in Einzelsettings. Dennoch könnte ein im Umfang reduzierter Fragebogen, etwa auf bevorzugte Genres und Lieblingstitel oder -interpret:innen, auch in Gruppen zum Einsatz kommen und zumindest im Anfangsstadium einer Demenz gegebenenfalls noch selbst ausgefüllt werden.

Beliebt sind oftmals beispielsweise Schlager der 1950er- bis 1970er-Jahre, Volkslieder oder bekannte Kirchenlieder. Manches erschließt sich auch übers Ausprobieren – so werden vielleicht einige Lieder von einem Großteil der Gruppe mit Begeisterung mitgesungen, wohingegen andere überraschend wenig Reaktionen hervorrufen und unbekannt scheinen. Möglicherweise stimmt auch jemand spontan von sich aus ein Lied an, das ihm oder ihr gerade in den Sinn kommt.

Tipp: kostenlose Vorlagen für musikbiografische Fragebögen sind im Online-Shop der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e. V. und auf der Homepage der Deutschen Gesellschaft für Musikgeragogik erhältlich: https://www.dg-musikgeragogik.de/materialien.html

Auch Themen wie Jahreszeiten, Feste, Liebe oder Heimat können an vertraute emotionale Erfahrungen anschließen und zum biografischen Arbeiten anregen. Denkbar sind daher auch themenzentrierte Einheiten, in denen Lieder, Stücke und Materialien passend zu einem Stundenthema ausgewählt werden.

Notenmaterial

Hände halten ein Textblatt, auf dem in großer Schrift das Lied

Wenn Notenmaterial verwendet wird, sollte es übersichtlich, kontrastreich und groß genug gestaltet sein. Ein klarer Notensatz ohne überflüssige Informationen, gegebenenfalls mit Text in gut lesbarer Schriftgröße, erleichtert das gemeinsame Musizieren. Auch farbliche Markierungen können hilfreich sein.

Die Organisation des Notenmaterials (z. B. die Notenmappe zur Probe mitbringen oder die richtigen Noten aufschlagen) kann für Teilnehmende mit kognitiven Einschränkungen herausfordernd sein.

Tipp: Unterstützen könnten hier z. B. hilfsbereite Sitznachbar:innen oder das Lagern der Notenmappen im Probenraum. Je nach Format kann es sinnvoll sein, auf Noten- oder Textblätter zu verzichten.

Ein Beamer kann eine sinnvolle Unterstützung sein, um beispielsweise das Suchen und Hantieren mit Notenblättern zu umgehen. Er hat aber noch viele weitere Vorteile!

Technikübungen

Eine Gruppe von Senior*innen wärmt sich auf. Sie heben die Arme, jede Person so hoch, wie sie kann.
Foto: Lisanne Utasch

Ein behutsames Warmup kann Körper und Stimme aktivieren und die Teilnehmenden auf die Probe oder Musikstunde einstimmen. Für Menschen mit Chorerfahrung kann das ein gewohntes Element sein und an vertraute Routinen anknüpfen.

Für Menschen ohne diese Vorerfahrung können entsprechende Übungen möglicherweise zunächst befremdlich sein. Hier sollte ein passendes Maß für die eigene Gruppe und das jeweilige Format gefunden und eine positive Atmosphäre geschaffen werden, die zum Ausprobieren einlädt. Zu empfehlen sind beispielsweise leichte Lockerungsübungen, Atemübungen und Summen in bequemer Lage.

Auch im Instrumentalensemble können einfache Technikübungen zum Einspielen sinnvoll sein. Insgesamt gilt: weniger Techniktraining, mehr Wohlgefühl. Es geht nicht um Perfektion, sondern um Freude am Klang, Körperbewusstsein und positive Aktivierung.

Tipp: Zur Stimmhygiene gehört außerdem eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr, um die Schleimhäute feuchtzuhalten – hierzu können fest eingeplante Trinkpausen oder das Bereitstellen von Wasser einen wichtigen Beitrag leisten, denn im Alter lässt das Durstempfinden nach und insbesondere Menschen mit Demenz vergessen oftmals, genügend zu trinken.

Vielfalt

Vielfalt in Repertoire und Methodik macht ein musikalisches Angebot abwechslungsreich und spricht unterschiedliche Vorlieben an. So können verschiedene Genres, Materialien und Umgangsweisen mit Musik eingesetzt werden, um vielfältige Zugänge zu schaffen und individuelle Ressourcen zu aktivieren.

Auch hier gilt es jedoch, ein passendes Maß für die Gruppe zu finden und Überforderung zu vermeiden. Im Folgenden werden einige mögliche Aktionsformen und Inhalte zur vielfältigen Gestaltung eines demenzsensiblen Ensembleangebots vorgestellt, unterteilt in die Bereiche Singen, Instrumentalspiel, Materialien (visuelle, taktile und haptische Impulse) sowie Bewegung und alternative Partizipation.

Singen

Eine besonders niedrigschwellige musikalische Aktionsform ist das Singen. Hinweise zu Liedauswahl, Stimmumfang, Warmup und Stimmbildung wurden bereits oben vorgestellt. Neben einstimmigem Singen sind je nach Gruppe gegebenenfalls einfachere Formen der Mehrstimmigkeit wie Kanons, Loop Songs oder einfache zweite Stimmen möglich.

Im Kontext von Demenzerkrankungen ist eine Mehrstimmigkeit nach dieser klassischen Einteilung jedoch meist überfordernd. Es bieten sich also einstimmiges Singen oder einfachere Formen der Mehrstimmigkeit wie Kanons an. Die gewählten Lieder sollten daher einen überschaubaren, für alle Stimmlagen bequemen Ambitus haben, in meist recht tiefer Lage, was anfangs aus Leitungsperspektive ungewohnt sein mag.

Nachgefragt: Ein Loop Song ist ein kurzes Musikstück aus wenigen Takten, das sich immer wiederholt. Seine einfache Struktur gibt Sicherheit und Orientierung. Bei jeder Wiederholung erfolgt eine Rückung um einen Halbton nach oben, wodurch fast unbemerkt die Stimme trainiert wird und der Klang sich jedes Mal leicht verändert.

Sensorische Impulse

Die gezielte Ansprache verschiedener Sinneskanäle erweist sich als besonders unterstützend, um Menschen mit nachlassenden kognitiven Fähigkeiten zu aktivieren: Passende Bilder oder Gegenstände können als visuelle Reize das Verständnis erleichtern und Assoziationen hervorrufen.

Materialien aus der Rhythmik und Elementaren Musikpädagogik wie bunte Chiffontücher, Igelbälle oder Kirschkernkissen lassen sich kreativ einsetzen, um den Tastsinn einzubeziehen, in Kontakt zu kommen und zur Erkundung vielfältiger Bewegungsmuster anzuregen.

Instrumentalspiel

Da das Rhythmusempfinden bei Menschen mit Demenz oft noch lange ausgeprägt ist, bietet sich zum Instrumentalspiel besonders der Einsatz von einfach zu spielenden Rhythmusinstrumenten (Trommeln, Klanghölzer, Rasseln etc.) an.

Methodische Inspiration ist beispielsweise beim Drum Circle Konzept von Arthur Hull zu finden. Aber auch Tischharfen lassen sich mit motorischen Einschränkungen oder demenziellen Veränderungen spielen und sind ein beliebtes Instrument in der Arbeit mit Menschen mit Demenz.

Ein schönes gemeinschaftliches Projekt, beispielsweise mit Angehörigen oder Ehrenamtlichen, kann außerdem das Basteln von Instrumenten sein, von der Joghurtbecher-Rassel über die Blumentopf-Trommel bis hin zum professionellen Tischharfen-Bausatz. So können die Teilnehmenden ihr eigenes Instrument auch mit nach Hause nehmen.

Anknüpfend an die musikalischen Vorerfahrungen und Biografien der Teilnehmenden sollte auch Raum dafür sein, vorhandene instrumentale Fertigkeiten einzubeziehen. So begleitete in einem der Länger fit durch Musik!-Projekte eine ehemalige Organistin das Abschlussritual („Der Mond ist aufgegangen“) jede Woche am Klavier.

Bewegung

Auch einfache Bewegungsabfolgen wie Sitztänze oder zu einem Liedtext passende Gesten können dazu einladen, intuitiv ins Tun zu kommen.

Alternative und intuitive Formen musikalischer Beteiligung können außerdem z. B. rhythmisches Mitklatschen, das Wippen mit dem Fuß oder (Mit-)Dirigieren zu einem Lied sein – gerade dann, wenn manche Teilnehmende nicht (hörbar) mitsingen.

Solche Reaktionen auf das musikalische Geschehen als Formen der Beteiligung anzuerkennen und gegebenenfalls aufzugreifen, kann einen wichtigen Beitrag zu einer demenzsensiblen und inklusiven Ensemblearbeit leisten, in der jede Form von Ausdruck als wertvoller Teil des gemeinsamen Musizierens verstanden wird.

Tipp: Insgesamt ist es wichtig, ein geeignetes Tempo (für den Großteil der Gruppe) zu wählen, um Überforderung zu vermeiden.

Praxisbeispiele und ähnliche Methoden

  • Dunkelkonzerte

     

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  • Familiensingwoche

     

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  • Klopapier-Challenge Chor

     

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Quellen

Kollak, I. (Hrsg.) (2016): Menschen mit Demenz durch Kunst und Kreativität aktivieren: Eine Anleitung für Pflege- und Betreuungspersonen. Springer, Berlin & Heidelberg.

Marchand, M. (2012): „Gib mir mal die große Pauke …“: Musikalische Gruppenarbeit im Altenwohn- und Pflegeheim. Ein Praxisbuch. Waxmann, Münster.

Muthesius, D., Sonntag, J., Warme, B. & Falk, M. (2019): Musik – Demenz – Begegnung. Musiktherapie für Menschen mit Demenz (2. Aufl.). Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main.

Ratte, F. J. (2019). Seniorenchorliteratur. In K. Koch (Hrsg.), Handbuch Seniorenchorleitung (170–172). Bosse.

Wickel, H. H. & Hartogh, T. (Hrsg.) (2020): Musikgeragogik in der Praxis: Alteneinrichtungen und Pflegeheime. Waxmann, Münster.